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Der Kronprinz sitzt zwischen den Stühlen

Der Kronprinz sitzt zwischen den Stühlen

Gut gelaunt gibt Pascal Wehrlein Vollgas. Fast eine halbe Stunde unterschreibt der Formel-1-Pilot am Mittwoch im Foyer der Merziger Stadthalle Bilder, Autogramm-Karten, Reifen und Kappen. Lächelnd erfüllt er alle Fotowünsche der Fans - knapp 100 sind zu der Autogrammstunde im Vorfeld der Wohltätigkeits-Gala des Merziger Formel-1-Fotografen Jerry Andre gekommen.

Wehrlein wirkt gelöst und entspannt. Dabei steht hinter der Zukunft des jüngsten deutschen Formel-1-Piloten (22) auch Mitte Januar noch ein Fragezeichen. Immer noch hat der talentierte und eigentlich hochgehandelte Worndorfer keinen Vertrag für die kommende Saison - trotz eines durchaus überzeugenden Debüt-Jahres in der Königsklasse. Mit RTL-Reporter Kai Ebel , dem Moderator der Gala, flachst er im Vorfeld: "Im Zweifelsfall komm' ich halt zu euch, bei RTL geht ja immer was."

Das ist ein Spaß am Rande, doch auch ansonsten wirkt Wehrlein erstaunlich gelassen. Im SZ-Gespräch fliegt der Formel-1-Pilot jedenfalls auch bei der Frage aller Fragen nicht aus der Kurve: Was er denn nun am 26. März (dem Tag des Saisonstarts) so machen werde? Ein Lächeln huscht über Wehrleins Gesicht. "Etwas, was sicher mit der Formel 1 zu tun hat", antwortet er und schiebt dann auf Nachfrage hinterher: "Im Ernst: Ich glaube schon, dass ich dann in einem Cockpit sitzen werde."

Mercedes setzt wohl auf Bottas

Irgendwie ist es aber schon ein bisschen paradox. Wehrlein gilt als Kronprinz in der Königsklasse. Seit Jahren wird er von Mercedes gefördert, durchlief im Eiltempo das Nachwuchsprogramm, wurde 2015 für die Stuttgarter DTM-Meister und legte im unterlegenen Manor-Mercedes ein durchaus gutes Premieren-Jahr in der Formel 1 hin. Und dennoch sitzt er derzeit irgendwie zwischen allen Stühlen: Erst wurde er als Kandidat beim Mercedes-Kundenteam Force India gehandelt. Doch die Verantwortlichen entschieden sich dann ausgerechnet für seinen bisherigen Teamkollegen Esteban Ocon. Einen Fahrer, den Wehrlein in der vergangenen Saison klar im Griff hatte. Das Qualifikations-Duell entschied er souverän mit 7:2 für sich.

Dann galt er für viele als der logische Nachfolger für den zurückgetretenen Weltmeister Nico Rosberg bei Mercedes. Schließlich kennt außer Rosberg und seinem Rivalen Lewis Hamilton kaum ein anderer Fahrer den Silberpfeil so gut wie Wehrlein. Seit 2014 ist er Testfahrer bei Mercedes, spulte Tausende Kilometer mit dem Auto ab. Zuletzt fuhr er im November auch die Reifentests für die kommende Saison. Da wäre die Beförderung zum Stammpiloten der nächste logische Schritt gewesen. Zumal Wehrlein selbstbewusst seinen Helm in den Ring warf: "Das Team weiß, dass ich liebend gerne für sie fahren würde, die Tests waren großartig", beteuerte er mehrfach.

Doch offenbar zweifelt Mercedes, ob der im eigenen Haus ausgebildete Wehrlein schon nach einem Lehrjahr die nötige Nervenstärke für das Cockpit an der Seite von Hamilton hat. Schließlich gilt der Brite nicht nur als das "größte Vollgas-Tier" der Branche, sondern auch als ausgekochtes Schlitzohr, der mit Psycho-Spielchen das Duell neben der Piste sucht. Und damit auch Rosberg in die Flucht schlug.

Doch Wehrlein sieht sich fit. "Ja, ich fühle mich bereit und würde diese Aufgabe gerne übernehmen. Wobei sicher niemand von mir erwartet, dass ich Lewis Hamilton gleich um die Ohren fahren würde", sagt er. Die Wahl von Mercedes läuft allerdings wohl auf den bisherigen Williams-Piloten Valtteri Bottas hinaus. Der Finne hat einen offenbar entscheidenden Vorsprung: Erfahrung. Bottas hat bereits 77 Grand Prix bestritten, schaffte es dabei neun Mal auf das Podium. Wehrlein hat im Gegensatz dazu nur eine Saison und einen zehnten Platz als bestes Ergebnis zu Buche stehen. Zudem gehörte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff lange Zeit zum Management-Team von Bottas. Laut englischen Medienberichten war der Finne bereits in der Mercedes-Fabrik in Brackley, um eine Sitzprobe zu absolvieren.

Damit dürfte der Traum vom Weltmeister-Auto für Wehrlein zumindest für diese Saison geplatzt sein. Und der nächste Nackenschlag folgte nur wenig später. Am Wochenende musste sein bisheriger Arbeitgeber, das Manor-Team, Insolvenz verkünden. Damit ist auch dieser Platz weg.

"Er ist ein unglaubliches Talent"

Als wahrscheinlichste Lösung gilt nun ein Wechsel zu Sauber. Mit den Schweizern hatte Wehrleins Management bereits vor dem Rosberg-Rücktritt verhandelt. Nagt diese Ungewissheit nicht an einem Fahrer? "Nein", sagt Wehrlein: "Das ist nicht so schlimm. Seit Wochen gibt es Gespräche mit mehreren Teams. Und ich weiß, was Stand der Dinge ist, wie realistisch die einzelnen Chancen waren und sind."

Den Rücktritt von Rosberg kann der Fahrerkollege übrigens nachvollziehen: "Wenn man sich mal in seine Haut versetzt, dann versteht man das. Der Schritt verdient Riesen-Respekt", sagt Wehrlein, fügt aber gleichzeitig hinzu: "Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Ich kann mir ein Leben ohne Motorsport, ohne das Rennfahren, die Spannung und das Adrenalin nicht vorstellen."

An dieser Einstellung hat auch das nicht gerade einfache Jahr 2016 nichts geändert. Bislang hatte Wehrlein in jeder Saison seiner Karriere wenigstens ein Rennen gewonnen. Vergangenes Jahr gab es dagegen nur einen zehnten Platz als bestes Ergebnis. "Klar wurmt es, wenn man weiß, dass man im richtigen Auto vorne mitfahren könnte", sagt er. "Aber so ist das nun mal in der Formel 1 . Da hängt viel von der Technik ab." Mit seinem Premieren-Jahr ist er dennoch zufrieden. "Ich habe viel gelernt. Und ich habe mit dem Auto den einzigen Punkt für das Team geholt, war in der Qualifikation fünf Mal im zweiten Abschnitt. Das war für dieses Auto viel." Dann erzählt er: "Klar ärgere ich mich über ein paar Sachen. Ich hatte beispielsweise in der zweiten Saisonhälfte ein paar Ausfälle, weil das Auto kaputt ging. Aber ich denke, meine Leistung steht nicht zur Debatte. Wenn die nicht gut gewesen wäre, wäre ich bei den Teams gar nicht erst im Gespräch gewesen."

Das bestätigt auch sein bisheriger Chef bei Manor, Dave Ryan: "Pascal ist ein unglaubliches Talent, daran gibt es keinen Zweifel. Und er ist ein liebenswerter Junge. Wir waren mit ihm sehr zufrieden." Ein besseres Abgangs-Zeugnis kann es eigentlich kaum geben. Wie es nun aber für Wehrlein weitergeht? "Hoffentlich kann ich nach dem Lehrjahr bald zeigen, dass ich das Zeug habe, ganz vorne mitzufahren", sagt er. Er gibt halt gerne Vollgas. Auf der Strecke. Nicht nur beim Schreiben von Autogrammen.

Zum Thema:

Auf einen Blick Die Formel-1-Teams der Saison 2017 (in Klammern: Alter der Fahrer): Mercedes AMG: Lewis Hamilton (32) und vermutlich Valtteri Bottas (27). Red-Bull-Renault: Daniel Ricciardo (27), Max Verstappen (19). Ferrari : Sebastian Vettel (29), Kimi Räikkönen (37). Force-India-Mercedes: Sergio Perez (26), Esteban Ocon (20). Williams-Mercedes: Lance Stroll (18), vermutlich Felipe Massa (35). McLaren-Honda: Fernando Alonso (35), Stoffel Vandoorne (24). Toro-Rosso-Renault: Daniil Kvyat (22), Carlos Sainz (22). Haas-Ferrari: Romain Grosjean (30), Kevin Magnussen (24). Renault : Nico Hülkenberg (29), Jolyon Palmer (25). Sauber-Ferrari: Marcus Ericsson (26), vermutlich Pascal Wehrlein (22). Manor-Mercedes: Das Team hat Antrag auf Insolvenz gestellt, ein Start ist fraglich, Fahrer stehen noch nicht fest. wip