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Fußball
Der Kopf hinter der berühmten Eistonne

Tim Meyer war praktisch schon überall – in seinem Büro an der Universität des Saarlandes sammeln sich die Akkreditierungen für Top-Ereignisse.
Tim Meyer war praktisch schon überall – in seinem Büro an der Universität des Saarlandes sammeln sich die Akkreditierungen für Top-Ereignisse. FOTO: Andreas Schlichter
Saarbrücken. Tim Meyer, der Mannschaftsarzt der Nationalmannschaft, wird am kommenden Montag 50. Aus dem Saarland will er nicht mehr weg. Tobias Fuchs

Der Schreibtisch von Tim Meyer ist ein Reich der kleinen Dinge. An der einen Querseite steht eine Playmobil-Figur, ein Arzt, ganz in Weiß, mit Haube und Stethoskop. Gegenüber ein Tipp-Kick-Männchen, schussbereit, vor einer durchsichtigen Torwand aus Plexiglas.


An diesem Tisch arbeitet Meyer, Professor für Sport- und Präventivmedizin, fast 50. Er trägt helle Jeans, ein blaukariertes Hemd, das dunkelblonde Haar leicht zurückgekämmt, eine Brille ohne Rand. Seit 16 Jahren betreut der Niedersachse, der kommenden Montag seinen runden Geburtstag feiert, die deutsche Fußball-Nationalelf – als Mannschaftsarzt.

Deshalb gehört sein Büro an der Saar-Uni zu den unentdeckten Schauplätzen deutscher Sportgeschichte. Nicht nur wegen der vielen Erinnerungsstücke, die der Professor auf dem Tisch und an den Wänden platziert hat. „Zu Hause, da hängt quasi nichts“, sagt Meyer: „Nur ein Trikot von der WM 2014 – weil das so außergewöhnlich war.“

Meyer begleitete Deutschland bisher zu vier Weltmeisterschaften, auch 2014 nach Brasilien. Mehr Turniere schaffte nur Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus. Aber 2018 in Russland wird der Arzt mit ihm gleichziehen. Dabei zögerte Meyer, als 2001 das Angebot des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) kam. Sollte er sich als Arzt soweit in die Öffentlichkeit wagen? „Nach einem Tag habe ich gedacht: Das kann ich nicht ablehnen“, erinnert er sich.

Sein Länderspieldebüt erlebte der Mannschaftsarzt im berühmten Népstadion von Budapest, bei einem 5:2 gegen Ungarn. Es fiel in die gefühlte Steinzeit des deutschen Fußballs, als Nationalspieler noch „Rumpelfüßler“ hießen. Rehmer, Linke, Jancker – die mit Edding geschnörkelte Aufstellung hängt eingerahmt in Meyers Büro, in einer Ecke, etwas versteckt hinter einer Yucca-Palme. Deutschland wird Weltmeister? Damals unvorstellbar.



Der Sportmediziner hat die Zeitenwende im deutschen Fußball miterlebt. Erst die Revolution unter Jürgen Klinsmann, dann die Rückkehr an die Weltspitze in der Ära des Bundestrainers Joachim Löw, die nach der WM 2006 begann. Löw führte die Nationalelf bei jedem Turnier mindestens ins Halbfinale, 2014 zum WM-Titel. Meyer beschreibt den Trainer als „sehr angenehmen Menschen“. Zwischen ihnen herrsche eine „unausgesprochene Übereinkunft: Wenn ich mich nicht melde, ist alles okay“.

Meyer weiß: Auf dem „allerhögschden Niveau“, wie Löw sagen würde, entscheiden Kleinigkeiten über Sieg und Niederlage, das Wohlbefinden einer ganzen Nation. Weshalb der Arzt zu den engsten Mitarbeitern des Bundestrainers zählt – als ein Meister des Details.

Verantwortlich ist Meyer für alle Beschwerden, die ein Orthopäde nicht behandeln kann. Außerdem kümmert er sich um die Leistungsdiagnostik und das Anti-Doping-Management der Nationalmannschaft. Wie auf seinem Schreibtisch hat Meyer viele kleine Dinge im Blick. Mal verteilt er Halstabletten, mal brütet er über den komplexen Daten von Leistungstests. Die Daten zeigen ihm auch, warum die deutschen Fußballer international wieder führend sind: „Sie schneiden in den Tests besser ab, im Vergleich zu vor zwanzig Jahren haben wir erheblich bessere Ergebnisse.“

Und warum? Meyer führt die verbesserte Talentförderung an. Seit der Jahrtausendwende müssen Proficlubs Nachwuchsleistungszentren betreiben. „Das hat’s meiner Meinung nach gebracht“, sagt er. Man habe etwas Vorlauf gebraucht, der erste größere Erfolg sei 2009 der Gewinn der U21-EM gewesen, erklärt der Mediziner. Zu den Talenten von damals gehörten Manuel Neuer, Jérôme Boateng oder Mesut Özil – insgesamt sechs Weltmeister.

Bei der Nationalelf kümmert sich ein riesiger Betreuerstab um die Stars. Das „Team hinter dem Team“ zählt 29 Mitarbeiter, vier Ärzte, vier Physiotherapeuten, drei Scouts, zwei Fitnesstrainer, einen Psychologen, einen Koch. Klinsmann verpflichtete in seiner Amtszeit etliche Experten, dieser Ansatz blieb. „Ich sehe mich als Teil des Ganzen“, sagt Meyer. Was im Rückblick auf die WM 2014 bedeutet: „Ich fühle mich auch als Weltmeister, natürlich nicht so wie die Spieler, aber es hing ein immenser Aufwand daran.“

An diesen Triumph erinnert eine Schnitzerei auf Meyers Schreibtisch, ein Fußball, rund, aber flach. Auf dem hölzernen Sockel steht eingebrannt „Campo Bahia“ – so hieß das Trainingscamp, eigens für den DFB aus dem Boden gestampft. Damit im Umfeld alles stimmt. Brasilien sei das mit Abstand arbeitsreichste Turnier gewesen, findet Meyer – auch in der Vorbereitung. 2013 verbrachte er seinen Urlaub extra in Südamerika, um in der Planung kein Detail zu übersehen. „Das war ein riesiges Paket“, sagt er: „Meine Frau hat sich mit Recht beklagt, dass ich im halben Jahr vor der WM gelegentlich in Gedanken woanders war.“

In Brasilien fiel auch ein wenig Licht auf die Forschung, die Meyer im Saarland betreibt. Er gilt als Experte, was Ermüdung und Regeneration angeht. Seit 2012 leitet der Professor ein großes Verbundprojekt zum „Regenerationsmanagement im Sport“ – mit Wissenschaftlern aus Saarbrücken, Bochum und Mainz. Sie beschäftigen sich auch mit Kälteanwendungen. Man könnte sagen: Meyer ist der Kopf hinter der Eistonne. Nach dem Zittersieg im WM-Achtelfinale gegen Algerien, einem 2:1 nach Verlängerung, hatte Verteidiger Per Mertesacker einen ARD-Reporter angepflaumt. Und gesagt: „Ich lege mich jetzt drei Tage in die Eistonne, dann sehen wir weiter.“ Meyer sah das Interview in einer Aufzeichnung, am Tag danach. „Das Spiel war ja gleichzeitig der Wendepunkt der WM“, erinnert er sich. Deshalb sprachen ihn nach seiner Rückkehr in die Heimat viele auf die Tonne an.

Seit 2008 führt Meyer in Saarbrücken das Institut für Sport- und Präventivmedizin, als Nachfolger seines Ziehvaters Wilfried Kindermann. Hier arbeiten Mediziner mit Sportwissenschaftlern zusammen. Wenn Meyer da ist, beginnt sein Tag auf dem Campus gegen 8 Uhr. Dann startet die Sprechstunde, er und sechs weitere Ärzte kümmern sich um Patienten, „das ist der normale Ambulanzbetrieb“, sagt er. Daneben unterrichtet der Hochschullehrer, forscht, leitet Projekte, auch ein internationales Doktorandenprogramm (siehe Info).

Der Deutsche Olympische Sportbund führt sein Institut als Untersuchungszentrum, der skandalumwitterte Fußball-Weltverband Fifa hat es als „Medical Centre of Excellence“ anerkannt. Die Fifa habe nicht nur schlechte Seiten, gerade im Bereich Medizin habe sie sehr viel sinnvolle Dinge getan, meint Meyer: „Deshalb stehe ich zu diesem Titel.“ So führen sie in Saarbrücken seit 2014 im Auftrag des Verbandes ein Register zu plötzlichen Todesfällen im Fußball.

Fragt man ihn, wo in der Wissenschaft sein Schwerpunkt liegt, sagt der Professor: „Fußballforschung, in verschiedenen Facetten.“ Dabei soll es bleiben, am selben Ort? „Ich gehe davon aus, dass meine universitäre Karriere hier in Saarbrücken endet“, erklärt Meyer: „Ich will hier nicht mehr weg.“ Sein Reich der kleinen Dinge, es bleibt, wo es ist.

Wenn er spricht, hören alle zu – und das schon seit Jahren. Unser Bild zeigt Professor Dr. Tim Meyer (Zweiter von rechts) im Oktober 2005 im Gespräch mit Joachim Löw, Jürgen Klinsmann und Andreas Köpke (von links).
Wenn er spricht, hören alle zu – und das schon seit Jahren. Unser Bild zeigt Professor Dr. Tim Meyer (Zweiter von rechts) im Oktober 2005 im Gespräch mit Joachim Löw, Jürgen Klinsmann und Andreas Köpke (von links). FOTO: A9999 DB Markus Gilliar / GES-Sportfoto