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Fußball-WM in Russland
Der „Kellner“ springt in die Bresche

Moskau. Brasiliens bislang bester Spieler bei der WM heißt nicht Neymar, sondern Coutinho. Der „kleine Zauberer“ ist der große Hoffnungsträger.

Gestatten: Philippe Coutinho Correia. Im gleichen Alter wie Neymar, völlig anders im Wesen. Während der teuerste Fußballer der Welt bei der WM in Russland simuliert, meckert, heult und nervt, haucht der nur 1,72 Meter große Coutinho der Seleção Leben ein. Damit ist der 26-Jährige der eigentliche Hoffnungsträger der Brasilianer – auch für das abschließende Gruppenspiel am heutigen Mittwoch im Moskauer Spartak-Stadion (20 Uhr/ZDF) gegen Serbien.


Sein Führungstreffer gegen die Schweiz (1:1) war durch den Ausgleich der Eidgenossen zwar nur die Hälfte wert, der gegen Costa Rica (2:0) brach dafür den Widerstand des Gegners. Dabei waren Tore früher nie Coutinhos Stärke, was Vater Jose Carlos „fuchsteufelswild“ machte, wie er TV Globo verriet.

„Garcom“ schimpfte ihn lange Zeit das Familienoberhaupt. Als „Kellner“ tituliert man am Zuckerhut die Vorlagengeber. „In dem Moment, in dem er ein Tor machen konnte, spielte er fast immer den Ball noch einmal ab“, erinnert sich Bruder Cristiano. Das änderte sich erst, als sein Vater jeden Treffer belohnte. „Fünf Real oder zehn Real. Damit war Philippe überglücklich“, ergänzt Bruder Nummer zwei. Leandro war schon 15 Jahre alt, als der Nachzügler auf die Welt kam.



Abwechselnd mit dem vier Jahre älteren Cristiano filmte er mit einer alten Kamera alle Spiele von „Philippinho“. Bei einer großen Schrecksekunde im Leben der Familie war diese jedoch ausgeschaltet. Mit vier Jahren fiel Coutinho beim Spielen auf dem Hof in eine Zisterne und wäre fast ertrunken. Sein Dreirad barg Leandro zerbrochen, den Bruder ohne eine einzige Schramme.

Viel mehr Aufregung um den Musterschüler aus Rocha im Norden Rio de Janeiros, wo seine Eltern bis heute wohnen, gibt es nicht. Er selber zog mit sieben Jahren in die Fußballschule von Vasco da Gama. Vom Klassenzimmer blickt man auf den Rasen des altehrwürdigen Estadio San Januario. „Seine schlechteste Note war eine 7“, berichtet seine damalige Lehrerin Juliana Torres, aber nur dann, wenn er „vom vielen Trainieren müde war“. In Deutschland entspricht dies einer Zwei minus.

Bestnoten erhält er auch von seinem Nationaltrainer Tite: „Er kann den Pass spielen, ist zweikampfstark, schießt aus der zweiten Reihe, ist schnell. Und zu all dem gesellt sich noch eine gewachsene Reife.“ Coutinho ist längst eine feste Größe in der Seleção.

Nur langsam gewöhnte er sich ans Rampenlicht. Mit 18 wechselte er von Vasco zu Inter Mailand. Das war noch eine Nummer zu groß. „Bei Inter hatte ich nur wenige Möglichkeiten, und die, die ich bekam, habe ich auch nicht genutzt“, gesteht der trickreiche Rechtsfuß, der mit seiner Jugendliebe Aine verheiratet ist und eine Tochter (Maria) hat.

Nach einer Ausleihe zu Espanyol Barcelona wurde der FC Liver­pool auf Coutinho aufmerksam. In 201 Spielen für die „Reds“ markierte er 54 Tore. Anfang des Jahres wechselte er für 160 Millionen Euro zum FC Barcelona, der ein halbes Jahr zuvor Neymar für 222 Millionen Euro an Paris St. Germain verloren hatte. Die Katalanen haben dank Coutinho den traumatischen Neymar-Weggang sportlich wie atmosphärisch verkraftet. Und auch in der Nationalelf tritt „Pequeno Magico“, der kleine Zauberer, aus dem Schatten des Superstars. Zum Glück für die Seleção.