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Kommentar
Der Kater am Tag danach

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Sind Sie gestern auch mit Kopfweh oder einem Brummschädel aufgewacht? Phantomschmerz? Bei mir ist es nämlich immer so, dass nach einem vorzeitigen deutschen Aus vor einem Finale von EM oder WM das Turnier mental eigentlich beendet ist. Von Stefan Regel
Stefan Regel

Der WM-Kater hat am Tag danach voll zugeschlagen. Keine Lust mehr, die anderen Spiele zu sehen oder weiter an den beiden Tippspielen teilzunehmen, die in den vergangenen zwei Wochen für (meistens) Ärger und (wenig) Frohsinn sorgten. Stichwort Ärger.


Dieser Kater blieb bei mir komischerweise aus. Verglichen mit der Staatstrauer bei früheren Turnieren, wenn die Deutschen ausschieden, war nur noch wenig Zorn und Wut – und ganz wenig Traurigkeit. Noch mal solch ein verheerend schlechtes Spiel wie gegen Südkorea im Achtelfinale schauen, muss nicht sein. Stattdessen regieren bei mir wie bei vielen anderen Fans Gleichgültigkeit und Staunen. Große WM-Stimmung war dieses Jahr eh nie aufgekommen.

Normalerweise hilft mir nach solch epochalen Misserfolgen eine mediale Diät. Die Vogel-Strauß-Taktik: nichts hören, nichts sehen, nichts lesen. Hieße sonst nur in der Wunde zu stochern oder Salz in die selbige zu streuen. Beruflich gesehen aber schwer möglich. Und die Wunde ist diesmal auch gar nicht so groß. In diesen Tagen kommt man am Thema WM eh so gut vorbei wie ich an einer Tüte Chips.



Und was gestern wirklich gut tat, war die Fülle an ironischen Kommentaren bei Facebook. Sarkasmus und Zynismus helfen offenbar nicht nur mir, das Gesehene besser zu verarbeiten. Und nach Müdkorea-Deutschschnarch feierte der schwarze Humor – zu Recht – fröhliche Urständ. Dabei ging das Niveau analog zum Spiel auch gerne in den Keller. Einer schrieb: „Wir haben jahrelang vor dem falschen Korea Angst gehabt.“

Die Satireseite „Der Postillon“ schrieb: „Deutsche Spieler beantragen Asyl in Russland“ und „Nach peinlichem WM-Aus: Erdogan gibt Özil und Gündogan ihre Trikots zurück“. Ein anderer meinte: „Das Spiel ist so deprimierend, Tim Bendzko schreibt bestimmt einen Song darüber.“ Mein Höhepunkt war aber ein Eintrag bei Twitter, der besagte: Wenn Mario Gomez auf den einst erschossenen Tupac Shakur geschossen hätte, wäre der amerikanische Kultrapper heute 47 Jahre alt.

So schickte ich mir mit Kollegen fröhlich dumme Sprüche hin und her – Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Und einer fand sogar etwas Positives am WM-Aus: Deutschland steht nämlich dieses Jahr gut in der Klimabilanz da, denn das ganze CO2 aus immerhin fünf Autokorsos fällt weg.