| 20:34 Uhr

2. Handball-Bundesliga
Der Kapitän hat eine eigene Sicht auf die Krise

Die HG Saarlouis will im Abstiegskampf der 2. Bundesliga nicht aufgeben. (Symbolbild)
Die HG Saarlouis will im Abstiegskampf der 2. Bundesliga nicht aufgeben. (Symbolbild) FOTO: picture alliance / dpa / Jens Wolf
Saarlouis. Den Handballern der HG Saarlouis droht der Abstieg in die 3. Liga. Heute ist der Zweitliga-Spitzenreiter Bergischer HC zu Gast. Von Sebastian Zenner

Weniger Erwartungsdruck geht kaum: Heute empfängt das Tabellen-Schlusslicht der 2. Handball-Bundesliga, die HG Saarlouis, den Klassenprimus Bergischer HC. Ganze 36 Punkte trennen die ungleichen Gegner, die um 19.30 Uhr in der Stadtgartenhalle aufeinandertreffen. „Auf Glück brauchen wir nicht mehr hoffen. Bei uns werden alle Bälle an den Innenpfosten und dann wieder rausfliegen. Beim BHC fliegen die alle ins Tor“, sagt Martin Murawski.


Der Kapitän der HG Saarlouis hat einen eigenen Blick auf den schlechten Saisonverlauf und sagt: „Wir haben keine drei großen Baustellen, sondern 30 kleine.“ In den vergangenen Wochen habe sein Team „prinzipiell ganz gute Spiele gemacht“ und sich nur durch Kleinigkeiten selbst um Punktgewinne gebracht. Dies hängt auch mit der Kader-Zusammenstellung zusammen: „Die barg ein großes Risiko. Mit Arthur Muller, Julius Andersson und Falk Kolodziej hat man drei Spieler für Schlüsselpositionen geholt, die keine Bundesliga-Erfahrung haben. Das kann gut gehen, kann aber auch schief gehen“, sagt der 29-Jährige. „Man bräuchte eigentlich jemanden, der Falk und Julius an die Hand nimmt und einen Großteil der Belastung trägt“, findet der Kapitän, der gerne selbst mehr unterstützen würde, als Linksaußen aber oft nicht nah genug am Geschehen ist. Ihn beschleicht außerdem das Gefühl, „dass der eine oder andere schon aufgegeben hat“.

Auf Moritz Barkow trifft dies definitiv nicht zu. Er wurde für den bis Saisonende verletzt ausfallenden Peter Walz verpflichtet. „Das Ding ist, dass wir ihn schon zusammen mit Peter Walz gebraucht hätten. Mit Michael Schulz dahinter wäre das eine richtig gute Kombination am Kreis gewesen“, meint Murawski. Schulz ist verletzungsanfällig, fällt oft aus. Walz hatte mit der Doppelbelastung aus Beruf und Handball zu kämpfen. „Wir haben einige, die in Vollzeit arbeiten oder studieren. So etwas streift man am Wochenende nicht einfach ab“, sagt Muraws­ki, der selbst ein Fernstudium absolviert: „Diese Spieler fehlen in den Vormittags-Einheiten. Und mit den normalen Krankheiten und kleineren Verletzungen sind wir immer dezimiert und nie komplett.“ Das Wort Planungsfehler will Murawski trotzdem nicht benutzen und die Verantwortlichen um Vereins-Chef Richard Jungmann nicht angreifen. Aber: „Man hätte auf der einen oder anderen Position einen älteren Spieler holen und dafür auf eine Doppelbesetzung auf einer anderen Position verzichten müssen“, meint der Rechtshänder.

Die Position des Trainers ist mit Philipp Kessler schon von der zweiten Person besetzt. Er folgte im November auf den freigestellten Jörg Bohrmann. „Meine Erfahrung zeigt, dass Trainerwechsel nichts bringen“, stellt Murawski klar: „Dieser Euphorie-Effekt ist bei uns nie entstanden. Kessi macht seine Arbeit gut, aber es gab ja keine deutliche Wandlung unseres Spiels.“ Stattdessen warf der überraschende Trainerwechsel beispielsweise den zu dieser Zeit gut aufgelegten Falk Kolodziej zurück. „Ihm wurde der Anker weggenommen. Diese Synergie muss mit dem neuen Trainer erst wieder aufgebaut werden“, erklärt der Kapitän: „Das hat auch wieder geklappt, Falk und auch Julius haben ihren Rhythmus wieder gefunden. Aber das brauchte wieder Zeit. Und die haben wir nicht.“

Das gilt auch für die Planung der nächsten Saison. „Es braucht einen Fünfjahresplan, aus dem klar wird, wo man hin und wie man das erreichen möchte“, schlägt er vor und ergänzt: „Es wird auch in der 3. Liga nicht ohne einen guten Unterbau funktionieren, also eine gute A- und B-Jugend und eine gute zweite Mannschaft. Oder ohne Marketing. Die HG muss für neue Sponsoren attraktiv werden.“ Die Vorstellung, dass die HG nach dem Abstieg sofort wieder um den Aufstieg mitspielen könnte, hält er für naiv: „In der 3. Liga herrscht eine hohe Konkurrenzdichte. Wenn man nicht mit Geld oder einer attraktiven Ausbildung locken kann, wird es schwierig, gute Spieler zu finden“, sagt er.



Das gilt auch für ihn selbst. „Da bin ich ehrlich. Mit mir hat vom Verein noch keiner gesprochen. Aber ich glaube nicht, dass unsere finanziellen Vorstellungen für die 3. Liga zusammenpassen.“ Trotzdem investiert Murawski all seine Kraft, um den „worst case“ zu verhindern und stellt klar: „Wir sind gut beraten, wenn wir als Mannschaft und als Verein weiter gut zusammenhalten. Wenn es zum schlimmsten Fall kommt, muss sich jeder der Situation und dem Feedback stellen.“