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Der Kanu-König

Rio de Janeiro. Trauer in der deutschen Olympia-Mannschaft: In der Nacht zu Dienstag erlag Kanu-Trainer Stefan Henze seinen Verletzungen. Er hatte am Freitag bei einem Auto-Unfall in Rio ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. sid-Mitarbeiter Oliver Mucha

Kanu-König Sebastian Brendel stand wie ein großer Triumphator mit ausgebreiteten Armen auf dem Siegerpodest. Er küsste nach seinem erneuten Goldcoup immer wieder seine Medaille, nach der Nationalhymne konnte er die Tränen nicht mehr zurückhalten. Brendel war von seinem zweiten Olympiasieg im Canadier-Einer überwältigt, hinzu kam die am Abend vor dem Finale erhaltene Schock-Nachricht vom Tode des Kanuslalom-Trainers Stefan Henze. "Das geht an keinem spurlos vorbei. Vielleicht sind wir alle ein bisschen für Stefan gefahren", sagte der 28-Jährige aus Potsdam.


Franziska Weber und Tina Dietze rundeten mit Silber im Kajak-Zweier einen erfolgreichen ersten Finaltag der Medaillenjäger des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) in Rio de Janeiro ab. Doch die ganz große Bühne gehörte Brendel. Verbandspräsident Thomas Konietzko adelte seinen Vorzeigeathleten nach dessen 17. Goldmedaille bei einem internationalen Großereignis. "Er ist ein Kanu-Held. Er hat eine Generation geprägt. Er ist in die Fußstapfen von Birgit Fischer gefahren", sagte Konietzko.

Der Vergleich mit der achtmaligen Olympiasiegerin war dem bescheidenen Brendel nach seinem souveränen Sieg vor dem Brasilianer Isaquias Queiroz dos Santos (1,603 Sekunden zurück) dann aber doch zu viel. "Bei den Erfolgen ist Birgit meilenweit voraus", sagte Brendel.

Fast hätte es für den Bundespolizisten nicht einmal zu seinem zweiten Olympiasieg gereicht. Eine Stunde vor dem Rennen verspürte Brendel beim Einfahren plötzlich einen Schmerz in der Lendenwirbelgegend. Masseur Michael Faulstich legte sofort Hand an und bekam Brendel rechtzeitig zum Start fit. Für Brendel, der ab Freitag auch noch im Zweier-Canadier über 1000 Meter startet, könnten es die letzten Olympischen Spiele sein. Nächstes Jahr werde er auf jeden Fall noch paddeln. Dann werde er aber überlegen, wie es weitergehe. "Mal sehen, wie der Körper so mitmacht", sagte Brendel.

Eine Viertelstunde nach Brendels famoser Goldfahrt holten die London-Olympiasiegerinnen Weber/Dietze (Potsdam/Leipzig) Silber hinter den favorisierten Ungarinnen Gabriella Szabo und Danuta Kozak. Nach 500 Metern fehlte nur die Winzigkeit von 0,051 Sekunden zu Gold. Weber war dennoch "stolz auf unsere starke Vorstellung". Es sei das beste Rennen seit dem Olympiasieg vor vier Jahren gewesen, sagte Weber, die in Rio noch im Einer-Kajak und im Vierer um die Medaillen mitfahren will.



Bei Max Hoff (Essen) flossen nach Rang sieben im Kajak-Einer über den Kilometer Tränen. "Ich bin nach hundert Metern in eine Blätterbank gefahren. Danach hatte ich keine Chance", erklärte der Olympia-Dritte von London enttäuscht. Der Tod von Kanu-Trainer Stefan Henze hat die deutsche Olympia-Mannschaft in Rio geschockt. Drei Tage nach einem Verkehrsunfall erlag der 35-Jährige in der Nacht zu Dienstag seinen schweren Kopfverletzungen. "Wir sind unendlich traurig", sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann. Henze starb im Beisein seiner Familie. "Wir wissen: Stefans olympische Gedanken leben in vielen Menschen weiter", wurde seine Familie zitiert.

Auf Bitten des DOSB hatte das Internationale Olympische Komitee am elften Wettkampftag gestern alle deutschen Fahnen auf halbmast gesetzt. "Das IOC trauert um einen wahren Olympier. Unsere Anteilnahme gilt der Familie von Stefan Henze, seinen Freunden sowie der gesamten deutschen Olympiamannschaft", sagte IOC-Präsident Thomas Bach .

Henze hatte bei dem schweren Unfall in einem Taxi am Freitag ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Der deutsche Olympia-Chefarzt Professor Bernd Wolfarth hatte die schwere Verletzung Henzes bereits am Freitag als lebensbedrohlich beschrieben. Wolfarth hatte sich ständig von den brasilianischen Ärzten im Hospital Miguel Couto, einer neurochirurgischen Spezialklinik im Stadtteil Leblon, unterrichten lassen. Dorthin war Henze nach der Erstversorgung in einem Krankenhaus in Barra nahe der olympischen Wettkampfstätten verlegt worden. Henzes Eltern und sein Bruder waren nach Rio gereist. Seine Lebensgefährtin sei in Gedanken bei ihm gewesen, teilte der DOSB mit. In Rio betreute Henze unter anderem die Augsburgerin Melanie Pfeifer.