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Der Kämpfer aus Kirrberg

Der Kämpfer aus Kirrberg

Homburg. Sein Kampfgewicht hat Anatoli Muschinka immer noch. "Ich werde mein Leben lang kämpfen, keinen Bauch zu bekommen", sagt der 39-Jährige und streicht sich mit einem breiten Grinsen im Gesicht den Pullover glatt. Kämpfen - das kann der ehemalige Fußball-Profi des FC Homburg und des 1. FC Saarbrücken

Homburg. Sein Kampfgewicht hat Anatoli Muschinka immer noch. "Ich werde mein Leben lang kämpfen, keinen Bauch zu bekommen", sagt der 39-Jährige und streicht sich mit einem breiten Grinsen im Gesicht den Pullover glatt. Kämpfen - das kann der ehemalige Fußball-Profi des FC Homburg und des 1. FC Saarbrücken. "Muschi", das 1,69 Meter kleine Kraftpaket, hatte Eigenschaften, die er bei der derzeitigen Spielergeneration vermisst. "Viele Junge haben keinen Ehrgeiz, keinen Willen", findet der Ex-Profi und verzieht dabei das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Daher hat er auch trotz seines C-Lizenz-Scheins wenig Lust auf einen Trainer-Job: "Letztens habe ich jemanden von meinem alten Verein getroffen. Damals haben sie zu mir gesagt: Der schreit nur rum. Jetzt meinte er zu mir: Genauso jemand wie du fehlt uns momentan. Einer, der uns mal richtig zusammenscheißt."

Diese Anekdote zeigt, welchen Ehrgeiz Muschinka an den Tag legte, wenn es um Fußball ging. Jugendländerspiele, Jahre in einem Sportinternat, für den kleinen Anatoli gab es oft nur Fußball. Als einer der ersten ukrainischen Spieler kam er 1993 von Tavria Simferopol nach Deutschland. Ein Probetraining in Duisburg verlief im Sand, weil der MSV damals mehrere Ausländer im Kader hatte, von denen nur drei spielen durften. Stattdessen landete er beim FC Homburg, damals noch in der 2. Liga mit Trainer Uwe Klimaschefski. "Jaja, der Klima", erinnert sich Muschinka und muss schon wieder lachen. "Ich wollte ein, zwei Jahre hier bleiben, mittlerweile sind es 16." Nach drei Monaten kam seine Frau Natascha nach Homburg, seitdem wohnen die Muschinkas in Kirrberg, nicht weit entfernt vom Waldstadion.

Den FC Homburg verließ der 39-Jährige 1998 wegen einer Kooperation in Richtung Saarbrücken - genau wie seine Mitspieler Anthony Tiéku, Torsten Wruck oder Raphael Susic. Mit Letzterem hat "Muschi" heute noch Kontakt. "Wir waren im letzten Sommer in Kroatien bei ihm in Urlaub. Seine Familie hat ein kleines Hotel auf der Insel Rab. Ansonsten habe ich kaum noch Kontakte zu ehemaligen Mitspielern", erzählt der Ukrainer. 1999/2000 gelang ihm mit dem FCS unter Trainer Klaus Toppmöller der Aufstieg in die 2. Liga. Muschinka: "An ein Spiel erinnere ich mich besonders, das war im Pokal gegen Schalke. Da hat mich der Büskens richtig erwischt. Knall, paff, Jochbeinbruch, alles kaputt. Das hat richtig weh getan, als ich die Szene später im Fernsehen sah."

Muschinka war auch in der folgenden Zweitliga-Saison Stammspieler und Publikumsliebling. Erst 2003, nach dem Abstieg in die Regionalliga, bekam er keinen Vertrag mehr. So sattelte er um, absolvierte bei der Baumarktkette Praktiker eine Ausbildung zum Bürokaufmann und spielte unter Trainer Valentin Valtchev eine Saison beim SV Röchling Völklingen in der damaligen Verbandsliga. "Das war purer Stress, abends noch ins Training, dazu lernen", erklärt der Ukrainer.

Bei Praktiker arbeitet er heute in der Musterhalle in Kirkel. "Das ist ein richtig guter Job, zumal ich sowieso Hobby-Handwerker bin", freut sich "Muschi". Das Angebot, Praktiker-Filialen in der Ukraine mitaufzubauen, lehnte er nach einem Veto von Ehefrau Natascha aber ab. Zuletzt spielte der Fußballer zwei Jahre in der Bezirks- und Landesliga beim VfB Waldmohr. Mittlerweile geht er aber nicht mal laufen. Zu angeschlagen sind die Knie nach vielen Jahren Leistungsfußball.

Muschinka hat wie viele Fußballer O-Beine, dazu kamen Kreuzbandriss und Meniskusverletzungen. Jetzt sind die Knie instabil, nach 20 Minuten Laufen kommen die Schmerzen. "Dafür fahre ich viel Rad. Meine Art, Fußball zu spielen - viel laufen und kämpfen - hat Spuren hinterlassen. Das geht an die Substanz. Die Ärzte raten zu einer Operation. Die schiebe ich aber vor mir her, da ich dann länger ausfallen würde", sagt er. Spaß am Fußball hat er immer noch, es geht aber nicht mehr.

Nicht zum Fußball, sondern zum Turnen zieht es den Rest der Familie. Frau Natascha ist Trainerin beim TV Kirrberg. Tochter Christina (21) turnte auch, Tochter Elina (16) feiert sogar deutschlandweit Erfolge. "Elina hat viel Ehrgeiz. Ich gehe da gerne mit, habe aber keine Ahnung, worum es geht", gibt Anatoli zu und lacht.

Wenn die Kinder endgültig aus dem Haus sind, plant er die Rückkehr in die ukrainische Heimat. Zu Vater, Mutter und Schwester. In seiner Heimatstadt Mukatschevo an der ungarischen Grenze hat er ein Haus. "Wir haben hier keine Verwandten, was soll ich dann noch hier?", sagt er mit ein wenig Heimweh in der Stimme.

Wien, Budapest, Mukatschevo: Einmal im Jahr reißen die Muschinkas die 1400 Kilometer heimwärts im Auto ab. Mittlerweile ist immerhin das Telefonieren übers Internet kein Problem mehr. "Damals hatten wir lange kein Telefon. Das beantragte man - und wartete 20 Jahre", sagt der 39-Jährige. Der Kampf um einen Telefonanschluss - vielleicht hat auch er Anatoli Muschinka zu einer Kämpfernatur gemacht. Und dass er auch den Kampf gegen seinen Bauch gewinnen wird, das versteht sich praktisch von selbst. > wird fortgesetzt

"Meine Art, Fußball zu spielen, hat Spuren hinterlassen."

Anatoli Muschinka

Hintergrund

 "Muschi", der Kämpfer. Die Fans des FC Homburg und des 1. FCS liebten den einsatzfreudigen Ukrainer. Foto: Hartung
"Muschi", der Kämpfer. Die Fans des FC Homburg und des 1. FCS liebten den einsatzfreudigen Ukrainer. Foto: Hartung

Anatoli Muschinka bestritt für den FC Homburg und den 1. FC Saarbrücken insgesamt 99 Zweitliga-Spiele. Sein vielleicht bestes war am 9. April 1994 im Trikot des FCH gegen den SV Meppen. Die Mannschaft des damaligen Trainers Uwe Klimaschefski siegte vor 1000 Zuschauern im Waldstadion mit 5:0. Muschinka erzielte zwei Tore, die übrigen schossen Sergio Maciel, Volker Ruoff und Uwe Freiler. red