Der HSV befreit sich vom Trauma

Hamburg. Als die dramatische Schlacht geschlagen war, dieses Handballspiel auf allerhöchstem Niveau, wurde Dierk Schmäschke sentimental. "War das eine tolle Stimmung", schwärmte der Vizepräsident des HSV Handball

Hamburg. Als die dramatische Schlacht geschlagen war, dieses Handballspiel auf allerhöchstem Niveau, wurde Dierk Schmäschke sentimental. "War das eine tolle Stimmung", schwärmte der Vizepräsident des HSV Handball. Die über 13 000 Fans, welche den 26:25 (12:16)-Sieg der Hanseaten gegen den THW Kiel sowie die Tabellenführung (22:2 Punkte) vor Kiel (20:4) und den Füchsen Berlin (19:3) euphorisch bejubelten, rührten Schmäschke. Auch Sportdirektor Christian Fitzek strahlte nach dem Schlagabtausch zweier Teams, die wahrscheinlich jeder Nationalmannschaft überlegen wären. Die Atmosphäre sei "noch gigantischer" gewesen als beim letzten Heimsieg gegen Flensburg, sagte Fitzek. Handball boomt in Hamburg. Die letzten drei Partien in der O2-World waren mit jeweils über 13 000 Zuschauern ausverkauft. Die entrückte Seligkeit auf den Rängen und beim HSV war freilich auch Ausdruck der Erleichterung. Seit 2003 hatten sie zu Hause nicht mehr gegen den THW gewonnen, zuletzt im Mai hatten sie mit 31:33 Toren verloren und damit die sicher geglaubte Meisterschaft doch noch in den Sand gesetzt. Von einem Trauma wollte HSV-Linksaußen Stefan Schröder zwar nicht sprechen, aber natürlich nage eine solche Negativserie an den Seelen der Profis. Wie ein Punkte fressender Roboter war der THW in den letzten Jahren aufgetreten, frei von Selbstzweifeln, ausgestattet mit einem formidablen Selbstbewusstsein, das sich aus sechs Meistertiteln in Serie speist. Und auch in Hamburg führten die "Zebras", angeführt von einem überragenden Kreisläufer Marcus Ahlm, zur Pause mit vier Toren. Dass die Kieler diesen Vorsprung und die Tabellenführung noch aus der Hand gaben, ließ sie angreifbar erscheinen. Menschlich. Auch die Profis des THW, so lautete das Fazit des Abends, können ein wichtiges Handballspiel verlieren. Der HSV verkörpert spätestens seit 2007 ebenfalls Weltklasse, aber erst jetzt scheint er in der Lage, dem THW nicht nur körperlich und handballerisch auf Augenhöhe zu begegnen, sondern auch mental. Und dennoch brachen die Sieger, die sich jahrelang erfolglos am THW abgearbeitet haben, nicht in Triumphgeheul aus, sondern sie hielten sich vornehm zurück. Zu oft hat sie der THW auf der Schlussgeraden doch noch überholt. Keinesfalls bedeute dies eine Entscheidung im Meisterschaftskampf, erklärte HSV-Torwart Johannes Bitter, der sein Team in den letzten 20 Minuten mit seinen Paraden zurück ins Spiel gebracht hatte. "Wir sollten jetzt nicht sofort an die Meisterschaft denken - dann geht das schief." "Dies heute war nur eine Etappe, aber ich bin froh, dass wir sie bestanden haben" - mehr ließ sich auch HSV-Trainer Martin Schwalb nicht entlocken. Geschockt wirkten die "Zebras" allerdings keineswegs. Filip Jicha verwies darauf, dass sein Team aufgrund der Verletzung von Christian Zeitz ohne Linkshänder im Rückraum spielen musste. Man habe trotzdem "sehr guten Handball gespielt", sagte der Tscheche, weiß aber auch, dass sich der THW nun nicht mehr viele Ausrutscher erlauben darf. Der deutsche Clubhandball ist so spannend wie schon lange nicht mehr. Und womöglich endet im Juni, wenn abgerechnet wird, die schon fast unheimliche Titelserie des THW Kiel.