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Der Große Preis des Glamours und der Sünde

Monte Carlo. Der Große Preis von Monaco ist immer ein bisschen anders als die übrigen Grand-Prix-Rennen. Das Straßentheater hat im Mini-Fürstentum sein eigenes Flair. Fünf Tage vor dem eigentlichen Ereignis drängen sich schon Zehntausende in den engen Straßen und pastellfarbenen Gassen. Der Ausnahmezustand beginnt mit dem Feiertag Christi Himmelfahrt Von SZ-Redakteur Walter Koster

Monte Carlo. Der Große Preis von Monaco ist immer ein bisschen anders als die übrigen Grand-Prix-Rennen. Das Straßentheater hat im Mini-Fürstentum sein eigenes Flair. Fünf Tage vor dem eigentlichen Ereignis drängen sich schon Zehntausende in den engen Straßen und pastellfarbenen Gassen. Der Ausnahmezustand beginnt mit dem Feiertag Christi Himmelfahrt. Die 5000 Einheimischen würden am liebsten wegfahren. Für sie ist in diesen Tagen nichts so wie vor und nach dem Grand Prix. Der Weg zum Milchmann oder der Eierfrau ist durch Zäune und Gitter versperrt. Nur ein Sonderausweis berechtigt zum Einkaufen. Selbst der Gang zur Mülltonne wird zum beschwerlichen Weg. Wer von den Einheimischen kann, flieht nach Cannes oder nach Nizza. Für sie ist die Faszination Formel 1 in ihrer Stadt schwer ergründbar.



Und dennoch: 20 Männer im besten Alter machen von Mittwoch an ihren Job. Der beginnt mit Pressekonferenzen und Strecken-Studium. Am Donnerstag stimmen sich die Piloten auf ihren Höllenritt durch die engen Gassen ein. Am Freitag haben sie frei. Dann sind die Schotten der Motorhomes am Hafen dicht. Was aber nicht heißt, dass nichts los ist. Zu sehen und zu bestaunen gibt es einiges. Das Fürstentum, ohnehin schon 365 Tage auf maximalen Lustgewinn programmiert, legt noch einen Zahn zu - durch eine vergnügungssüchtige Gesellschaft. Optimaler Platz dafür sind die schwimmenden Paläste, die im Hafen dümpeln. Die ungezwungene Geselligkeit, das Zusammentreffen von strahlenden Aschenputtels mit stämmigen, glatzköpfigen Märchenprinzen, von langbeinigen Top-Models mit sich regenerierenden Top-Managern, von reichen Erben und hoffnungsvollen Starlets - all das findet selbstverständlich unter Deck statt. Und natürlich unter Ausschluss des gewöhnlichen Publikums. Das muss zum Feldstecher greifen, will es auf den Geschmack kommen.

Monte Carlo - reiche Stadt, sündige Stadt. Monte Carlo - ausstaffiert mit monströsen Hotels, tollen Boutiquen, eleganten Cafés, aufgetakelten Palästen zwischen morbiden Fassaden und üppiger Pflanzenpracht, einem feudalen Spielcasino mit Hunderten von einarmigen Banditen, einer tragikomischen Fürstenfamilie und eben jenem Hafen mit seinen weißen Yachten.

Die PS-Helden sind vom Rennen in Monte Carlo fasziniert. "Das Gefühl, wenn du mit 280 Stundenkilometer den Hügel zum Casino hoch schießt, wenn du versuchst, eine möglichst gerade Linie zwischen den Leitplanken zu finden und sie dabei mit den Reifen streichst, das ist einfach unglaublich. Etwas besseres gibt es nicht in einem Formel 1-Auto", beschreibt Weltmeister Lewis Hamilton sein Gefühl als rasender Zeitgenosse im Leitplanken-Dschungel des Fürstentums. Das Auto-Roulette in Monte Carlo dreht sich - von heute bis Sonntag.



Hintergrund

Zum 56. Mal fahren die Piloten in diesem Jahr in den Straßenschluchten des Fürstentums Monaco um WM-Punkte. Mit einer Distanz von 260,5 Kilometern ist der Grand Prix der kürzeste aller 17 WM-Läufe. Der Brasilianer Ayrton Senna bewies mit sechs Monaco-Siegen seine Extraklasse. Michael Schumacher und der Brite Graham Hill gewannen das Rennen jeweils fünfmal. Aber auch Außenseiter haben ihre Chance, wie der französische Ligier-Pilot Olivier Panis 1996 zeigte. dpa