Der Glutofen von Flushing Meadows

New York. Am Rande des Centre Court wollte es die TV-Expertin genau wissen. Ein paar Minuten lang legte Tracy Austin, die ehemalige Weltranglisten-Erste und heutige Tenniskommentatorin, ihr Thermometer in der Mittagshitze auf den blau gepinselten Hartplatz. Dann war der Wert ermittelt, der selbst für New Yorker Verhältnisse irritierend schien: 46,3 Grad um 12 Uhr

New York. Am Rande des Centre Court wollte es die TV-Expertin genau wissen. Ein paar Minuten lang legte Tracy Austin, die ehemalige Weltranglisten-Erste und heutige Tenniskommentatorin, ihr Thermometer in der Mittagshitze auf den blau gepinselten Hartplatz. Dann war der Wert ermittelt, der selbst für New Yorker Verhältnisse irritierend schien: 46,3 Grad um 12 Uhr. 46,3 Grad im größten Tennisstadion der Welt, im Arthur-Ashe-Theater. "Es ist so unmenschlich heiß, dass ich jeden bedauere, der hier spielen muss", sagte Austin, die sich wie der Rest der Zuschauer dick mit Sonnencreme eingeschmiert hatte.Hitzeschlacht in Flushing Meadows: Während daheim in Deutschland allmählich der Herbst heraufzieht, stöhnen beim letzten Grand Slam-Spektakel der Saison alle unter der spätsommerlichen Wüstenhitze - Spieler, Zuschauer, Ballkinder, Schiedsrichter, Offizielle. "Das ist Tennis brutal", sagte Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen. "Meine Füße brannten wie im Feuer", befand der gescheiterte Geheimfavorit Marcos Baghdatis, "aber wir sind es zum Glück gewohnt, in großer Hitze zu spielen."Die kapriziöse Serbin Jelena Jankovic hatte nach einer knapp vermiedenen Auftaktniederlage gegen Simona Halep ein Gefühl, "als ob ich stundenlang in einer Sauna eingesperrt gewesen wäre". An eine vergleichbare Hitzewelle in New York konnten sich selbst altgediente Beobachter der Tour nicht erinnern. "Das Wetter spielt einfach verrückt", sagte Amerikas Davis Cup-Teamchef Patrick McEnroe. Als die Weißrussin Viktoria Azarenka in ihrem Spiel gegen Gisela Dulko kollabierte, dachten die meisten Beobachter auch an einen Hitzschlag - doch später stellte sich heraus, dass es sich offenbar um die Folgen einer kurz zuvor erlittenen, unbemerkten Gehirnerschütterung gehandelt hatte.An den ersten Turniertagen waren in New York morgens meist schon knapp an die 30 Grad gemessen worden. Als die ersten Matches begannen, stand die Luft so heiß auf der Anlage wie in einem Backofen. Kein Lüftchen sorgte für Kühlung. Die Australierin Alicia Molik sagte, ihr Match sei ihr "wie eine Strafexpedition" vorgekommen: "Die Sonne brannte wie in einen Alptraum herunter." Bei den Damenmatches wurde umgehend die Hitzeregel in Kraft gesetzt, bei der nach dem zweiten Satz eine zehnminütige Pause das Spiel unterbricht. Auf vielen Courts blieben Sitze leer, weil die Zuschauer irgendwo auf der Turnieranlage ein lauschigeres Plätzchen im Schatten suchten. Die größte Hitzewelle seit 17 Jahren erinnert an Verhältnisse "down under", an die Australian Open. Bei über 60 Grad Centre-Court-Temperatur war in Melbourne 1997 Titelverteidiger Boris Becker in Runde eins gegen Carlos Moya ausgeschieden. Anschließend bekundete er: "Mein Gehirn fühlt sich an wie Rührei." 1993 erklärte der siegreiche Amerikaner Jim Courier nach dem heißesten Endspiel der Turniergeschichte (44 Grad) gegen Stefan Edberg, er wisse jetzt, "wie sich ein gut durchgebratenes Steak fühlt". Nach seinem Triumph sprang er damals in den Yarra River. Ähnliche Abkühlung bietet in New York nur der Brunnen der Weltausstellung 1964. 300 Meter vom Centre Court entfernt.

Auf einen BlickFür Julia Görges und Sabine Lisicki sind die US Open in New York nach der zweiten Runde beendet. Die 21 Jahre alte Görges aus Bad Oldesloe verlor gegen die an Nummer 15 gesetzte Yanina Wickmayer aus Belgien in 102 Minuten mit 4:6, 5:7. Bei den Australian Open und den French Open war Görges in diesem Jahr ebenfalls in der zweiten Runde gescheitert. Sabine Lisicki scheiterte zum dritten Mal nacheinander in der zweiten Runde der US Open. Die Berlinerin unterlag nach 96 Minuten mit 1:6, 6:7 (5:7) gegen die russische Wimbledon-Finalistin Wera Swonarewa. Lisicki unterliefen viele leichte Fehler. Sie verlor achtmal ihr Aufschlagspiel. dpa