Der Gejagte schiebt Frust

Der Gejagte schiebt Frust

Mit Frust im Bauch geht Dimitrij Ovtcharov bei der Tischtennis-EM in Russland in das Einzelturnier. Nach der bitteren Finalniederlage mit der Mannschaft will er sich durch eine erfolgreiche Titelverteidigung entschädigen.

Für Dimitrij Ovtcharov ist Tischtennis nicht alles. Am Morgen seines Auftakteinzels bei der EM in Jekaterinburg ließ der Titelverteidiger Bälle und Schläger liegen und widmete sich den wirklich wichtigen Dingen. "Heute ist ein ganz besonderer Tag, denn es ist der 27. Geburtstag der Liebe meines Lebens. Ich liebe Dich mehr, als Worte es beschreiben könnten", gratulierte Deutschlands Topspieler seiner Frau Jenny nach einem zärtlichen Geburtstagskuss und gemeinsamem Frühstück im Mannschaftshotel auch noch einmal via Facebook .

Danach aber war trotz des familiären Feiertages "Alltag" angesagt: Training mit seinem weißrussischen Clubkollegen und Titelkonkurrenten Wladimir Samsonow, Massage, Videostudium der nächsten Gegner. "Ich habe in letzter Zeit alle wichtigen Turniere und Titel in Europa gewonnen. Ich bin der Gejagte", sagte Ovtcharov. Der Star vom russischen Champions-League-Sieger Fakel Orenburg ist sich seiner Ausgangsposition bewusst: "Viele Gegner spielen gegen mich frei auf und wachsen über sich hinaus. Aber ich bin gut vorbereitet, und es wird schwer, mich zu schlagen." Im Mannschafts-Turnier jedenfalls hat das tatsächlich niemand geschafft. Acht Einzel, acht Siege - an Ovtcharov lag die Endspiel-Pleite gegen Österreich (2:3) keinesfalls. Die Enttäuschung konnte der Perfektionist daher auch nicht einfach abschütteln. Doch letztlich fokussierte er sich auf das bevorstehende Einzelturnier, wo er in Abwesenheit des verletzten EM-Rekordchampions Timo Boll aber nicht allzu viel ernsthafte Konkurrenz fürchten muss.

Ein Gegner könnte am ehesten sein Körper werden. Seit Sommer machen Ovtcharov Rückenbeschwerden zu schaffen. "Es ist eine Vorstufe zum Bandscheibenvorfall. Doch seit ich jeden Tagen Massagen und Übungen für den rechten Bereich mit Rücken, Lendenwirbelsäule, Leiste und so weiter mache, habe ich das wieder immer besser in den Griff bekommen. Manchmal zwickt es zwar, aber es wird besser und besser", berichtet er.

Besser und besser will der Europaspiele-Sieger vor allem bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro werden - die EM in Russland dient so eher als wichtige Durchgangsstation auf dem Weg nach Brasilien. "Die Bronzemedaille 2012 in London bedeutete die Erfüllung eines Traumes. Aber ich wäre ja ein schlechter Sportler, wenn ich mich jetzt damit für den Rest aller Zeiten zufrieden geben würde."