| 20:37 Uhr

Skispringen
Der Fluch der Schanze von Oberstdorf

Liegt auf der Schattenbergschanze in Oberstdorf ein Fluch? Wer beim Auftakt der Vierschanzentournee nämlich stark sprang, für den ging es danach meist nicht nur von der Schanze, sondern auch in der Wertung nach unten.
Liegt auf der Schattenbergschanze in Oberstdorf ein Fluch? Wer beim Auftakt der Vierschanzentournee nämlich stark sprang, für den ging es danach meist nicht nur von der Schanze, sondern auch in der Wertung nach unten. FOTO: A3483 Matthias Schrader / dpa
Oberstdorf. In den vergangenen Jahren war das Motto beim Auftakt der Vierschanzentournee häufig: Wer hier siegt, verliert alles.

Martin Schmitt? Siegte drei Mal nacheinander in Oberstdorf und gewann nie die Vierschanzentournee. Christof Duffner? Triumphierte am Oberstdorfer Schattenberg und dann nie wieder. Jens Weißflog? Holte seinen letzten Tourneesieg vor allem deshalb, weil der unschlagbar scheinende Mika Laitinen einen Tag nach dem Auftaktsieg im Allgäu schwer stürzte.


Die Skisprung-Geschichte zeigt: Wer an diesem Samstag (16.30 Uhr/ARD und Eurosport) nach dem Tourneestart vorne liegt, muss sich ernsthaft Sorgen machen. Erstaunlich oft brach der Dominator der ersten von vier Schanzen teils dramatisch ein – und erholte sich teilweise niemals davon. Eine kuriose Statistik.

„Vom Mentalen her ist Oberstdorf immer wichtig“, sagte Sven Hannawald vor der Qualifikation zum ersten Springen der Tournee am Freitag: „Du weißt, wenn du nicht in den zweiten Durchgang kommst, vielleicht stürzt, fehlen dir am Ende wichtige Punkte.“ Hannawald gewann 2001/02 in Oberstdorf, danach auch auf den drei anderen Bakken, und sicherte sich so seinen historischen Tournee-Grand-Slam.

Aus deutscher Sicht war er die Ausnahme, für die DSV-Adler ist Oberstdorf gewissermaßen eine Fluchschanze. Neun deutsche Siege gab es dort seit 1992, zuletzt durch Severin Freund 2015, nur Hannawald holte dann auch den Tourneesieg. Das liegt deutlich unter der schon mickrigen Gesamtquote: Neun der letzten 25 Auftaktsieger jubelten auch nach Bischofshofen.

Es ist wohl auch der Druck, der für einen deutschen Springer in und nach Oberstdorf oft übermächtig wird. „Natürlich fehlt mir der Tourneesieg in meiner Sammlung“, hatte Martin Schmitt vor dem Auftakt 2000 gesagt: „Aber wenn ich jetzt sage, ich will gewinnen, dann fehlt mir die Lockerheit.“ Schmitt gewann zwar wie 1998 und 1999 in Oberstdorf, erlebte dann aber nach Platz elf im Vorjahr erneut ein Garmisch-Debakel – dem Tourneesieg lief er bis zum Karriereende 2014 vergeblich hinterher.



Schmitts Schwarzwälder „Landsmann“ Duffner hatte sich zuvor zwar in unnachahmlicher Mundart das Motto „Muesch cool bliiiebe“ zugelegt. Nach seinem Überraschungserfolg 1992 in Oberstdorf war es aber mit der Coolness dahin: Mit Platz 32 in Garmisch starb der Tourneetraum, es blieb bei diesem einzigen Weltcupsieg – als Trostpflaster wurde „Duffi“ 1994 Team-Olympiasieger.

Andere erwischte es da schlimmer. Österreichs einstiges Toptalent Reinhard Schwarzenberger beispielsweise. 1994 siegte er in Oberstdorf in seinem allerersten Weltcup-Springen – zu viel für den 17-Jährigen: 24., 21., 19. wurde er auf den nächsten drei Stationen, 16. im Gesamtklassement – selten fiel ein Auftaktsieger tiefer.

Wohl aber schmerzhafter: Der Finne Laitinen kam 1995 aus dem Nichts, gewann zwischen dem 3. und 30. Dezember fünf Weltcups. Es waren die einzigen seiner Karriere, der in Oberstdorf blieb der letzte – an Silvester brach er sich in der Probe von Garmisch sieben Rippen und das Schlüsselbein. Laitinens Tournee war beendet, der Weg frei für den bis dahin klar unterlegenen Weißflog.

Der Sachse mit dem berühmten Schnurrbärtchen reagierte kühl. „Ich bedauerte seinen Sturz, doch ich bedauerte nicht, dass mir sein Ausscheiden den Weg zum vierten Tournee-Erfolg etwas erleichterte“, schrieb Weißflog in seiner Autobiografie: „Das sind die Regeln des Sports. Wenn jemand Pech hat, hat ein anderer Glück.“