Fußball: Der etwas andere Nationalstürmer

Fußball : Der etwas andere Nationalstürmer

Sandro Wagner ist plötzlich ein ganz heißer WM-Kandidat. Doch der Hoffenheimer bleibt vorsichtig.

Sandro Wagner ist ein Fan des englischen Fußballs, seine Premiere im legendären Wem­bley-Stadion kann der 29-Jährige besonders genießen. Denn was noch vor einem Jahr kaum ein Experte oder Fan für möglich gehalten hatte, ist jetzt Realität: Der etwas andere Stürmer mit einer stets klaren Meinung war nicht nur im Klassiker am Freitagabend gegen England (bei Redaktionsschluss noch nicht beendet) eine Besetzungs-Option. Wagner hat inzwischen auch beste Chancen auf ein Ticket für die WM im kommenden Sommer.

In nur fünf Länderspielen hat Wagner den Bundestrainer überzeugt, der viele Monate mit einer Nominierung gezögert hatte. „Sandro Wagner ist sicher ein anderer Spielertyp. Wir haben im Sturm ähnliche Spieler wie Timo Werner, Julian Draxler und Leroy Sané. Wagner spielt im Zentrum, bindet und beschäftigt den Gegner, ist bei Flankenbällen sehr präsent. Er ist gegen jede Mannschaft eine Variante“, sagte Joachim Löw nun.

„Die WM ist in meinem Kopf noch weit weg“, wehrte Wagner das Thema zwar noch ab. Doch im Kader für den letzten Länderspiel-Doppelpack 2017 hat er schon mal Mario Gomez verdrängt. „Gomez und Wagner kann man sicher beide gebrauchen. Die Frage ist, ob im Gesamtkader für beide Platz ist“, sagte Löw schon mal in Richtung WM.

„Ich versuche, meine Hausaufgaben zu machen. Alles andere kommt von allein“, sagte Wagner. „Wenn ich zu viel an die WM denke, stört das meine tägliche Arbeit.“ Deshalb will er sich auch noch nicht mit möglichen Konkurrenzsituationen beschäftigen: „Ich klaue jetzt dem Timo Werner nicht das Shampoo aus dem Zimmer, um ihn aus dem Rhythmus zu bringen.“

Wagner wurde auch mal wieder auf jene Tage im Frühjahr 2015 angesprochen, als er vom damals neuen Hertha-Trainer Pal Dardai aufs Abstellgleis geschoben wurde und auf dem Trainingsplatz allein Bälle auf das leere Tor schießen musste. „Ich habe eine andere Karriere gehabt, nicht so glanzvoll wie der Mann neben mir“, bemerkte Wagner mit Blick auf Sami Khedira, der beim Pressegespräch neben ihm saß. „Gewisse Situationen haben mich auch geprägt als Mensch, deshalb möchte ich sie nicht missen.“

Auch die Schüsse aufs leere Tor hätten ihn letztlich weitergebracht, bemerkte der Angreifer. „Ich habe jetzt eine ordentliche Quote, deshalb bin ich dem Trainer in Berlin auch dankbar, dass ich mal ohne Torwart draufschießen konnte“, ergänzte Wagner lächelnd. „Es geht alles sehr schnell im Fußball.“

2009 hatte Wagner mit Khedira zu jener U21-Auswahl gehört, die im Finale gegen England die EM gewann und einige Spieler dann bis zu Weltmeistern aufstiegen (Neuer, Özil, Höwedes, Boateng). Wagner nahm einen ungewöhnlichen Umweg. „Es gehört dazu, wenn man in jungen Jahren einen Fehler macht. Es ist bemerkenswert, wie man dann reift als Person“, sagte Khedira. „Sandro ist ein Vorbild für alle anderen, dass man nicht aufgeben darf.“

In fünf Länderspielen hat der gebürtige Münchner fünf Tore erzielt. Und auch in Interviews trifft er mit bemerkenswerten Sätzen den Nerv vieler. „Menschlich haben mich diese Situationen enorm geprägt. Wenn ich in Wembley zehn Tore gegen England schieße, weiß ich trotzdem, dass ich kein Stück cooler bin als jemand, der für die Müll­abfuhr arbeitet“, sagte Wagner der tz. Finanzielle und sportliche Aspekte seien nicht alles im Leben, daher wollte der zwischen Hoffenheim und München pendelnde Profi auch nicht nach England wechseln. Denn seine Frau und seinezwei kleinen Kinder leben in München, wo auch seine sozialen Kontakte sind.

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