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Der Dobermann verliert Konzept und Gürtel

Erst spät fand Jürgen Doberstein (links) in den Kampf und setzte gegen Cagri Ermis gute Treffer. Foto: Urban
Erst spät fand Jürgen Doberstein (links) in den Kampf und setzte gegen Cagri Ermis gute Treffer. Foto: Urban FOTO: Urban
Berlin. Ein kleiner Ring, Tumulte vor dem Kampf, zu lange Runden – Boxprofi Jürgen Doberstein ließ sich von seinem Gegner Cagri Ermis aus dem Konzept bringen und konnte anschließend seine Leistung nicht abrufen. Michael Aubert

Wie ferngesteuert kletterte Jürgen Doberstein nach der Verkündung des Urteils aus dem Boxring in der Berliner Universal Hall. Er tobte innerlich, und auf seiner überstürzten Flucht Richtung Ausgang schüttelte er unentwegt den Kopf. Niemand kam in diesem Moment zu ihm durch, weder seine Betreuer noch sein Vater oder seine Frau, die alle vergeblich versuchten, ihn einzufangen und in Richtung Kabine zu lenken. Die Tatsache, dass nicht Doberstein, sondern sein Gegner Cagri Ermis den so wichtigen Kampf um die IBF-Europameisterschaft gewann, schien ihm einen weiteren großen Energieschub zu verleihen, den er nicht in die richtigen Bahnen zu lenken vermochte. "Lasst mich einfach alle in Ruhe, dann ist alles gut", schoss es aus Doberstein heraus, während er jede Hand, die versuchte, ihn zu berühren, wegstieß.

Als der Ringrichter nach dem Boxkampf in der Nacht zu Samstag in Berlin nicht seinen Arm, sondern den des Deutsch-Türken Ermis in die Luft hob, war für den St. Ingberter eine Welt zusammengebrochen. "Ich habe das einfach nicht geglaubt", sagte der Supermittelgewichts-Boxer später in seiner Kabine. Dazwischen und in den ersten Minuten in der Kabine war er weder ansprechbar noch in der Lage, sich irgendwie zu äußern. Das Urteil traf den 26-Jährigen härter, als es Ermis an diesem Abend in den zwölf Runden tat, auch wenn das über weite Strecken keine Seltenheit war. "Es war wirklich nicht mein bester Kampf", gab der "Dobermann" später zu, "aber ich denke nicht, dass ich sieben Runden verloren habe." Dennoch: Das Urteil war knapp, aber einstimmig. Alle drei Punktrichter werteten den Kampf für Ermis (115:113, 115:113 und 115:112), sodass Doberstein auch seinen IBF-Mediterranean-Titel verlor.

Dabei verlief der Kampf zu Beginn sehr gut. Mit schnellen und beweglichen Beinen tänzelte Doberstein in gewohnter Manier um seinen Gegner und setzte überlegte, harte Treffer. Doch schon in Runde zwei schaffte er es nicht mehr, seinen elf Zentimeter kleineren Gegner auf Distanz zu halten. Oft ließ sich Doberstein in einer Ecke des mit fünf Metern Seitenlänge sehr kleinen Rings stellen und in einen Schlagabtausch verwickeln, bei der er selten eine gute Figur machte - auch weil er sich auf die Provokationen von Ermis einließ.

Die hatten schon vor dem Kampf begonnen - mit Tumulten in Dobersteins Kabine, die ihn komplett aus dem Konzept bringen sollten: Wie üblich befand sich je ein Betreuer in der gegnerischen Kabine. 15 Minuten vor dem Kampf behauptete der Betreuer von Ermis plötzlich, Doberstein hätte sich eine Adrenalinspritze gesetzt. Die Stimmung in beiden Lagern kochte über. "Meine ganze Kabine war voller Leute, die wild geschrien haben", sagte Doberstein, der daraufhin vom Ringarzt auf Einstichspuren untersucht wurde, sodass der Kampf verspätet begann.

"Zu spät angefangen"



"Du musst mit klarem Kopf boxen können", sagte Doberstein: "Dadurch habe ich total verkrampft." Erst gegen Ende des Kampfes besann er sich. "Ich habe mich einfach zu spät gefangen", sagte Doberstein selbstkritisch. "Er hat sich in den Runden zwei bis sechs auf eine Prügelei eingelassen", analysierte Dobersteins Berater Wolfgang Lauer.

Wie geht es nun weiter mit Dobersteins Karriere? "Ich wünsche mir den Rückkampf", sagte Doberstein, "allerdings unter sportlichen Bedingungen. Denn heute waren es hier eindeutig zu viele Spielchen." Vom zu kleinen Boxring über die Provokationen bis hin zu variierenden Rundenzeiten. "Wir haben bisher zwei Runden gemessen", sagte Doberstein. Eine habe 3:15 Minuten gedauert, eine weitere fast vier statt der festgelegten drei. Nicht nur deswegen erwägt das Team Doberstein, zusätzlich Protest einzulegen.