Der Buhmann „stopft allen das Maul“

Der Buhmann „stopft allen das Maul“

Vom Sündenbock zum Elfmeter-Helden: Júlio César rettete Brasilien gegen Chile den Einzug ins Viertelfinale. Dabei war der Torhüter vom FC Toronto bis kurz vor dem Start der Heim-Weltmeisterschaft noch höchst umstritten.

Júlio César sah nicht aus wie ein Held. Der umstrittene Torwart hatte ganz Brasilien gerade vor der Katastrophe gerettet, da liefen ihm die Tränen noch immer über das Gesicht. Mit verquollenen Augen und roten Wangen stammelte der 34-Jährige: "Ich will den Pokal küssen und in den Arm nehmen - genau wie 200 Millionen Brasilianer." Der Traum vom sechsten WM-Titel lebt - dank Julio César.

Der Sündenbock von einst wurde im Elfmeterschießen gegen Chile zum Helden und Liebling der Fans - danach weinte er hemmungslos. 1:1 hatte es in einem packenden Achtelfinale nach 120 Minuten gestanden, 3:2 endete das Elfmeterschießen , in dem César zweimal hielt und Superstar Neymar lässig den entscheidenden Treffer erzielte.

Im Viertelfinale kommt es nun zum nächsten Südamerika-Duell, diesmal mit Kolumbien (Freitag, 22 Uhr). "Wir haben versprochen, den Titel zu holen. Und Versprechen muss man halten. Noch sind drei Schritte zu gehen, um den Himmel zu erreichen", sagte Trainer Luiz Felipe Scolari.

Julio César wusste einstweilen nicht, wie ihm geschah. "Vor vier Jahren war ich der Buhmann", sagte er. Nach dem WM-Aus der Brasilianer 2010 gegen die Niederlande (1:2) stand er wegen eines Patzers im ganzen Land am Pranger. "Nur Gott und meine Familie wissen, was ich seitdem durchgemacht habe", sagte er: "Das war sehr schwierig. Ich widme diesen Sieg meiner Frau Susana und meinen Kindern."

Bis zuletzt waren die Zweifel an César riesig. Ist er nicht schon viel zu alt, um ein starker Rückhalt zu sein? Ist er fit, schließlich spielt er bei Toronto FC in einer Operetten-Liga? Ist nicht Jefferson von Botafago besser in Form? Diese Fragen stellten sich Fans und Experten bis zuletzt. César antwortete mit seinen Paraden.

"Was haben sie nicht alles über den Club unseres Torhüters gesagt und geschrieben. Und jetzt hat er allen das Maul gestopft und gezeigt, dass er es noch kann", sagte Neymar mit einem zufriedenen Grinsen. Der Superstar vom FC Barcelona hatte wie sein Keeper eine ganz starke Vorstellung gegen die aggressiven Chilenen geboten, der fünfte Turniertreffer gelang ihm diesmal nicht - aber immerhin der entscheidende im Elfmeterschießen .

David Luiz brachte die Brasilianer früh in Führung (18.), doch Alexis Sanchez (32.) glich schnell aus. Es entwickelte sich eine rasante Partie, die eigentlich keinen Verlierer verdient hatte. Doch am Ende jubelten nur Julio César und seine Brasilianer.

Die ganze Aufmerksamkeit war César sichtlich unangenehm, auch wenn er die Genugtuung nach den Schmähungen genoss. "Es gab viele Zweifel an mir. Aber ich habe gezeigt, dass ich gut vorbereitet und in Form bin", sagte er: "Ich muss dem Trainer danken, dass er mir das Vertrauen geschenkt hat. Ich hatte versprochen, das zurückzuzahlen."

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