Der Borussia läuft die Zeit davon

Der Borussia läuft die Zeit davon

Oberligist Borussia Neunkirchen braucht mehr Geld als vermutet. Und das schnell. Die Überlebens-Chance des Traditionsvereins wird immer geringer. Insolvenzverwalter Marc Herbert sieht sie bei „20:80“.

Ist der 1905 gegründete VfB Borussia Neunkirchen bald Geschichte? Die Zukunft des Fußball-Oberligisten sieht düster aus, wie bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Freitag im Ellenfeldstadion klar wurde. Statt der bisher vermuteten 45 000 Euro muss der Verein mindestens 150 000 Euro aufbringen, um die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu verhindern. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies bis zum Frist ende am 31. Juli gelingen kann, schätzt Insolvenzverwalter Marc Herbert auf "20:80". Wie sich bei der eingehenden Überprüfung der Vereins-Unterlagen durch Herberts Büro herausstellte, war der Verein schon vor dem Insolvenzantrag Anfang April zahlungsunfähig.

"Der letzte geprüfte Jahresabschluss ist von 2012", klagt Herbert: "Wir stoßen immer wieder auf Pfändungen und Mahnungen, und jedes Jahr schließt mit einem Minus. Trotzdem wurde kein Insolvenzantrag gestellt." Dies führt zur persönlichen Haftung des damaligen Vorstandsvorsitzenden Giuseppe Ferraro, zu dem Herbert bereits Kontakt aufgenommen hat. Angestrebt wird ein Deal, nach dem der Insolvenzverwalter keine Ansprüche gegenüber Ferraro geltend macht, sofern dieser als größter Gläubiger der Borussia (etwa 140 000 Euro ) ebenfalls keine Ansprüche erhebt. 75 000 Euro müssen aber für das von der Bundesagentur für Arbeit vorgestreckte Insolvenzausfallgeld zurückgezahlt werden. Die gleiche Summe schuldet die Borussia der Berufsgenossenschaft, die einem Vergleich mit der Hälfte des Fehlbetrags zustimmen würde. Hinzu kommen diverse kleinere Gläubiger wie etwa das Finanzamt (10 000 Euro ).

Einziger Trumpf ist derzeit der von zahlreichen Bundesliga-Stars unterschriebene "Borussia-Käfer", der höchstbietend für etwa 34 000 Euro brutto versteigert wurde. Bitter nur, dass diese Summe der Löwenanteil der verbleibenden liquiden Mittel (rund 40 000 Euro ) ist. Die Einnahmen aus einem Benefizspiel gegen Bundesligist FSV Mainz 05 von knapp 9000 Euro wurden für die Nachzahlung der Spieler- und Trainergehälter für den Monat April (insgesamt 25 000 Euro ) genutzt.

Der Vorstand hofft auf Spenden großzügiger Mitglieder, die ihre Unterstützung bereits signalisierten, und vor allem auf einen Zuschuss der Stadt Neunkirchen . "Das ist die letzte Hoffnung", sagt Insolvenzverwalter Herbert. Die Vorstandsmitglieder Martin Bach (1. Vorsitzender) und Michael Krebs (2. Vorsitzender) geben diese Hoffnung noch nicht auf und versuchen, außer den Stadtratsfraktionen und wohlhabenden Mitgliedern auch weitere Bundesligisten für sich zu gewinnen. Dem Benefizspiel gegen Mainz folgt am 7. Juli eines gegen den 1. FC Saarbrücken , Verhandlungen mit Erstligisten laufen. Wer dann allerdings im Borussia Trikot aufläuft, ist noch fraglich. Bisher haben nur drei Spieler einen gültigen Vertrag für die kommende Spielzeit. Laufende Gespräche und Verhandlungen können derzeit nicht verbindlich zum Abschluss gebracht werden.

Die Borussia steht am Scheideweg: Entweder wird der Fehlbetrag von 110 000 Euro von Gönnern und der Stadt aufgebracht und sie bleibt in der Oberliga - oder sie steigt mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens zwangsläufig in die Saarlandliga ab. Geschieht letzteres erst nach dem 30. Juni droht eine Oberliga-Saison, die das Team bestreiten muss außerhalb der Punktewertung. Der Abstieg würde dann 2016 erfolgen. Aufgrund einbrechender Sponsorengelder und der hohen Energie- und Unterhaltungskosten der Spielstätte Ellenfeldstadion führt ein Abstieg wohl zu einer Liquidation und - sollte ein Neustart erfolgen - zu einer Neugründung.

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