Der beste Becker

Das Jahr 2014 war für den saarländischen Tennisprofi Benjamin Becker das erfolgreichste seiner Karriere. Der 33-Jährige will den Schwung mit in die neue Saison nehmen, obwohl privat einige Veränderungen anstehen.

Seit zehn Tagen hat Benjamin Becker keinen Tennisschläger mehr in der Hand gehabt. Und das wird in den nächsten Tagen auch so bleiben. Die Saison 2014 ist für den Tennisprofi vorbei, aber weniger Stress hat er nicht. Der Umzug ins neu gekaufte Haus nahe Dallas im US-Bundesstaat Texas steht bevor - und Anfang Dezember auch die Geburt seines zweiten Sohnes. "Meine Frau hatte mit den Vorbereitungen des Umzugs und ich mit meinen letzten Turnieren so viel Stress, dass wir noch nicht einmal einen Namen haben", sagt Becker im Interview mit der Saarbrücker Zeitung: "Und es ist auch gar nicht so leicht, einen zu finden, der uns gefällt und auch von den Großeltern im Saarland , die nicht so gut Englisch können, problemlos ausgesprochen werden kann." Becker muss lachen: "Ich weiß, das sind Luxusprobleme."

Super-Serie zum Abschluss

Der 33-Jährige aus Orscholz wirkt trotz der bevorstehenden Veränderungen vollkommen entspannt, ausgeglichen. Was auch an seinem sportlichen Abschneiden in den vergangenen Wochen liegt. Zum Abschluss der Saison erreichte Becker vier Mal in Serie mindestens das Viertelfinale eines ATP-Turniers (Kuala Lumpur, Tokio , Wien und Basel), in Tokio sogar das Halbfinale. Im Sommer stand er in s'Hertogenbosch im Finale, wenige Wochen später in Atlanta im Halbfinale: 2014 erlebte der Saarländer sein bestes Jahr im Profigeschäft, seit er 2005 eingestiegen ist. Das belegt die Weltrangliste, die ihn vor einer Woche auf Position 35 notierte - so gut wie nie zuvor. Aktuell steht er auf Rang 40.

"Es ist das erste Mal in meiner Karriere ", sagt Becker, "dass ich über mehrere Wochen ein so hohes Niveau gehalten habe. Für mich ist das ein super Erfolg". Fast im gleichen Atemzug relativiert er diese Leistung, spricht von Faktoren, die einfach gepasst haben - etwa Glück bei der Auslosung, dass er nicht gleich auf einen Topspieler traf.

Becker ist niemand, der die Weltrangliste an die Pinnwand hängt, mit Siegen hausieren geht. Bescheidenheit zeichnet ihn aus. Und ein realistischer Blick auf die Dinge. So sieht er sein gesamtes Jahr 2014 als "richtig gut" an, nur dass "am Anfang die Ergebnisse nicht gepasst haben und ich in den Spielen die Leistung aus dem Training nicht abrufen konnte."

Erst mit dem Rasenturnier im westfälischen Halle änderte sich das. Becker, der die schnellen Beläge wie Rasen liebt, schied in der ersten Runde gegen Gael Monfils aus, einen starken Franzosen, aber irgendwie hatte er sich mehr vorgestellt. "Ich war sehr enttäuscht, habe noch lange nach dem Match im Stadion gesessen und überlegt, warum es nicht so läuft, was ich besser machen kann." Es war der Wendepunkt, wie Becker heute feststellt. Schon in der Woche danach erreichte er im niederländischen s'Hertogenbosch das Finale, und er engagierte mit dem ehemaligen Weltklasse-Spieler Andrei Pavel einen neuen Trainer, "von dem ich enorm profitiere".

Viel entspannter geworden

Und plötzlich tritt Becker sehr viel selbstbewusster auf, steckt sich gemeinsam mit Pavel neue Ziele. Zum Beispiel, bis Jahresende unter die Top 50 zu kommen. Dass er sogar eine neue Karriere-Bestleistung aufstellt, die 38 (zuletzt Januar 2010) unterbietet, "hatte ich nicht gedacht. Aber es läuft einfach. Ich fühle mich gut, will sehen, was ich erreichen kann." Ohne sich den Druck zu machen, Woche für Woche die Weltrangliste zu studieren, sich die Frage zu stellen, wo er Punkte holen kann, wo er Punkte verteidigen muss, um nicht abzurutschen. "Viele Spieler beschäftigen sich nur damit. Ich bin da entspannter geworden", sagt er. Immerhin kann er von neun Jahren Erfahrung auf der ATP-Tour profitieren, in der er schon einiges erlebt hat, Höhen wie Tiefen. Etwa, als er in seinem Debüt-Jahr 2006 bei den US Open gleich das Achtelfinale erreichte - und in der dritten Runde Andre Agassi besiegte und damit dessen Karriere beendete. "Ich war erst vom College gekommen und stehe dann wenige Monate später auf dem Centre Court vor über 20 000 Zuschauern. Die Medien sind nach dem Sieg über mich hergefallen. Und ich habe mir danach viel Druck gemacht, gedacht, ich könnte ganz oben mitspielen, obwohl das nicht realistisch war."

Becker hat gelernt. Von Spielen wie diesen. Und von Phasen, in denen es nicht läuft. "Ich kann jetzt alles viel mehr genießen. Ich weiß, dass ich einen Traumjob habe, der mir viel mehr Spaß macht, als ich das am Anfang gedacht hatte." Doch er hat sich arrangiert mit dem Leben aus dem Koffer, den Reisen um die Welt. Erst recht, seit er im vergangenen Jahr beschloss, seine Frau Kristin und Sohnemann Collin Benjamin (inzwischen zweieinhalb) zu den Turnieren mitzunehmen. "Im ersten Halbjahr 2013 hatte ich große Probleme, von Zuhause weg zu sein. Aber die Entscheidung, die Familie dabei zu haben, war das Beste überhaupt", sagt er.

Benjamin Becker weiß, dass sich das mit Beginn der neuen Saison ändert, dass Frau Kristin mit den beiden Söhnen erstmal in Dallas bleiben muss. Aber sein tolles Jahr 2014 bringt Vorteile mit sich. Dank seiner Ranglisten-Position hat er eine gewisse Freiheit in der Turnierplanung, "weil ich überall ins Hauptfeld komme". Er kann sich folglich die Turniere aussuchen, die er spielt. "Es ermöglicht mir auch, weniger Turniere zu spielen. So werde ich öfter Zuhause sein. Und das tut meinem Körper ja auch ganz gut".

"Fühle mich nicht reich"

Aber wo andere mit 33 schon mal ans Karriere-Ende denken, sieht Becker der Zukunft gelassen entgegen. Er spiele, solange er Spaß habe, solange er das Gefühl habe, mithalten zu können. Und dieses ist im Moment stärker denn je. Dass er sich nach den neun Jahren als "eigener Boss mit flexiblem Zeitplan" nicht vorstellen könne, von morgens acht bis abends sechs im Büro zu sitzen, versteht sich von selbst. "Aber ich muss noch arbeiten in meinem Leben, und ich will auch arbeiten", sagt Becker, der in seiner Karriere bislang ein Preisgeld von 3,5 Millionen Dollar erspielt hat.

Kurzer Abstecher ins Saarland

"Meine Kumpels", sagt er, "ziehen mich manchmal wegen der Summe auf. Aber nur ich weiß, welche Ausgaben ich habe, was dazugehört - den Trainer bezahlen, die Reisen um die ganze Welt." Reich fühle er sich nicht. "Natürlich ist Geld wichtig, und ich muss auch welches verdienen. Aber ich habe noch immer meine sportlichen Ziele in den Vordergrund gestellt."

Und das soll auch so bleiben, wenn er Anfang Januar in Doha wieder auf den Platz geht und danach bei den Australian Open in Melbourne angreifen will. Zuvor macht er übrigens einen Abstecher ins Saarland , kurz nach Weihnachten. Die Familie und Freunde in Orscholz besuchen. Und das große Familientreffen mit Kind(ern) und Kegel im Mai in Deutschland abstimmen. Nein, der Stress wird in den kommenden Monaten nicht weniger. Aber Benjamin Becker weiß, das sind wahrlich Luxusprobleme.