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Der Beginn einer neuen Ära?

Paris. Marcel Kittel war das strahlende Gesicht der 100. Tour. Nach seinem vierten Etappensieg beim Finale in Paris wurde er in Frankreich als neuer Sprintkönig gefeiert. Erfolge, die sich wohl bezahlt machen werden. dpa

Als Christopher Froome nach einer viel zu kurzen Nacht von den Sonnenstrahlen in Paris geweckt wurde, hatte er seinen großen Triumph noch gar nicht richtig realisiert. "Es ist ein komisches Gefühl, mal nicht daran zu denken, über welche Berge wir diesmal müssen. Es ist einfach nur schön, sich zurückzulegen", berichtete Froome gestern mit kleinen Augen von seinen ersten Stunden als Tour-de-France-Sieger.

Während Froome die "Momente für die Ewigkeit" einfach nur genießen wollte, prophezeite sein Teamchef Dave Brailsford weitere britische Großtaten auf den Landstraßen Frankreichs. "Er bringt alle Voraussetzungen eines mehrfachen Champions mit. Er hat sein Optimum noch nicht erreicht", sagte Brailsford über Froome.

Er ist damit nicht der Einzige, der den Beginn einer neuen Ära prophezeit. "Die Währung des Fahrrads ist jetzt das Pfund", titelte die französische Tageszeitung "Libération". 108 Jahre hatte kein Brite das größte Radrennen der Welt gewonnen, nun folgte ein Jahr nach Olympiasieger Bradley Wiggins in Froome der nächste Athlet von der Insel. Froome, Wiggins, die vielen Etappensiege von Mark Cavendish, dazu die unzähligen Erfolge im Bahnradsport - die Briten haben den etablierten Nationen wie Frankreich, Spanien oder Belgien längst den Rang abgelaufen.

Froome bewahrt die Contenance in allen Bereichen, auch beim Thema Doping. "Ich habe die vielen Dopingfragen nicht auf mich bezogen. Jeder hat das Recht, danach zu fragen", sagte der in Kenia geborene Rundfahrt-Spezialist. Eine diplomatische Haltung, die Brailsford wie die sportliche Leistungsfähigkeit Froomes schätzt: "Für jemanden, der als Betrüger beschuldigt wurde, wie es ihm passiert ist, war es erstklassig, wie er damit umgegangen ist. Er war geduldig und tolerant und er versteht es, warum bestimmte Menschen giftig reagieren."

Die Vergleiche mit Lance Armstrong, der ähnlich dominant sieben Jahre mit unsauberen Mitteln die Tour im Griff hatte, prallen an Froome ab. Seine Erfolge würden auch in Jahrzehnten noch vor neuen Doping-Testverfahren Bestand haben. Und den nächsten Erfolg hat Froome auch schon ins Visier genommen: die WM Ende September in Florenz. "Das Gelbe und das Regenbogen-Trikot zu gewinnen, wäre unglaublich", sagte Froome. Es wurde spät im "Le Chalet de Neuilly" in der Rue du Commandant Pilot. Nach dem großen Coup auf den Champs Elysées ließen es der neue Sprint-Star Marcel Kittel und Co. bei der teaminternen Abschlussfeier nach der 100. Tour de France bis 3 Uhr morgens krachen. Und das breite Grinsen dürfte auch kaum am Montag bei der Zeitungslektüre aus dem Gesicht des Deutschen gewichen sein. "Kittel An-1" (das erste Jahr) war in großen Lettern im Tour-Organ "L'Équipe" zu lesen. Für die Franzosen ist klar: Die Wachablösung ist vollzogen, der 25-Jährige hat mit seinen vier Etappensiegen den in Frankreich wenig geliebten Ex-Weltmeister Mark Cavendish als Sprintkönig abgelöst.

So sprach Kittel "vom schönsten Tag in meinem Radfahrerleben". Mit einem kraftvollen Sprint hatte er André Greipel und Cavendish am Sonntag beim Flutlicht-Finale keine Chance gelassen. Eine Dominanz, die auch Cavendish eingestand. Es sei kein Zufall, dass Kittel ihn geschlagen habe. Ein Lob, dass Greipel nie vom Briten erhalten hatte.

Vier Tour-Etappensiege in einem Jahr, dazu das Gelbe Trikot zum Auftakt, waren bislang nur Didi Thurau 1977 (fünf Siege) geglückt - und einen deutschen Sieg beim Prestigesprint in Paris hatte es letztmals durch Olaf Ludwig vor 21 Jahren gegeben. Sportlich taugt Kittel als neues, unverbrauchtes Gesicht im von vielen Krisen erschütterten Radsport, und auch in Sachen Doping bezieht er klar Stellung. "Wenn meine vier Siege dazu führen, dass die Zweifel in Deutschland verstummen und wir nicht mehr mit unseren Vorgängern, mit denen wir nichts zu tun haben, verglichen werden, dann bin ich sehr glücklich", sagte Kittel.

Auch wenn das Radsport-Klima in Deutschland nach wie vor nicht das beste ist, klingeln bei Kittel nun die Kassen. In der laufenden Woche geht er bei lukrativen Kriterien in den Niederlanden und Belgien an den Start. "Man bekommt in den Verhandlungen schon ein aktuelles Feedback, dass der Marktwert bei Marcel gestiegen ist", sagte Kittels Manager Jörg Werner. Dass die großen Sponsoren aber nun Schlange stehen, dürfe man nicht erwarten. "Wir müssen in Deutschland das Vertrauen Stück für Stück zurückholen."



Zum Thema:

Auf Einen BlickPressestimmen zur Tour: "Libération" (Frankreich): "Das britische Radsportimperium ist viel größer, als man glaubt." "L'Equipe" (Frankreich): "Froome bleibt ruhig trotz der Verdachtswelle, die seinen Sieg begleitet." "Times" (England): "Sonnen-König Froome genießt seine Krönung." "Tuttosport" (Italien): "Kittel, Poker wie aus dem Märchen. Der Chef der Champs Élysées." "La Repubblica" (Italien): "Willkommen, rebellischer Radsport. Kittel feiert mit Froome. In der Nacht weiht sich eine neue Generation." "De Volkskrant" (Niederlande): "Der Letzte, der mit so großem Vorsprung gewonnen hat, war Lance Armstrong." dpa