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Olympische Spiele in Südkorea
Dem IOC droht die nächste Pleite vor dem CAS

Pyeongchang. Sportrechtler Lehner sieht die Chance, dass russische Athleten ihren Start bei Olympia einklagen können, bei 70 Prozent.

Präsident Wladimir Putin hält wieder alle Trümpfe in der Hand. Werden seine russischen Sportler nach dem Triumph vor dem CAS ihre Einladung für die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang einklagen und das IOC vollends blamieren? "Den Weg dahin gibt es", sagt der Sportrechtsexperte Michael Lehner. Nach Einschätzung Lehners müssten die 28 Athleten, deren lebenslange Olympiasperre wegen Dopings bei den Heim-Spielen 2014 in Sotschi aufgehoben wurden, vor das Ad-Hoc-Gericht des CAS in Pyeongchang ziehen. Dort kann innerhalb von 24 oder 48 Stunden ein Urteil gefällt werden – rechtzeitig vor dem Beginn der Eröffnungsfeier am nächsten Freitag.



„Die entscheidende Frage ist, ob das IOC als Veranstalter bei seinen Einladungen frei ist oder ob es als Monopolverband nach objektiven Kriterien einladen muss“, meint Lehner. Das IOC hatte festgelegt, dass russische Sportler nur mit einer Einladung in Pyeongchang dabei sein können. „Ich glaube mit 70:30 Prozent, dass sie starten werden“, sagt Lehner.

Putin hielt sich mit Forderungen zunächst zurück. In einer ersten Reaktion klang das russische Staatsoberhaupt gemäßigt, forderte „Respekt für den Gegner“ im Rechtsstreit. Vielleicht will er seinen Freund, IOC-Präsident Thomas Bach, nicht weiter bloßstellen und belässt es bei den 169 russischen Athleten, die unter neutraler Flagge und Hymne starten dürfen.

Das IOC wird sich auf seiner Exekutivsitzung am Wochenende in Pyeongchang beraten, wie es sich in der Russland-Angelegenheit weiter verhält. Zur Exekutive gehört auch der Schweizer Jurist Denis Oswald, dessen Kommission zuvor 43 russische Sotschi-Starter lebenslang gesperrt hatte. Die Entscheidung der Kommission wurde am Donnerstag weitgehend vom CAS kassiert.

Derweil ist das Entsetzen über das Urteil des CAS groß. Trotz nachgewiesenen systematischen Dopings in Sotschi und eines Großangriffs auf die Olympische Idee sind Russlands Sportler am Ende äußerst glimpflich davongekommen. Dass es die Strafen in den Einzelfällen schwer haben werden, vor dem CAS zu bestehen, war absehbar. Auch deshalb hätte das IOC eine Kollektivstrafe verhängen müssen.



Im IOC regt sich mittlerweile Widerstand gegen die Russland-Strategie von Bach. „Heute muss ich mich bei einzelnen Athleten entschuldigen, deren Träume, Medaillen, Geld und Vertrauen in den Sport gestohlen wurden“, sagte das britische IOC-Mitglied Adam Pengilly nach dem CAS-Urteil. Pengilly stimmte vor den Sommerspielen in Rio 2016 als einziges IOC-Mitglied gegen eine Teilnahme der Russen. Für ihn hat das Urteil bittere Folgen. „Die Athleten werden jetzt denken, dass es besser ist, zu betrügen oder ihre Nation dazu zu bringen, ein Doping-System einzurichten. Denn selbst, wenn es entdeckt wird, sind die Konsequenzen minimal."