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Großer Jubel um deutsches Team
„Das war mehr als eine Sensation“

Freudensprünge: Nachdem der Videobeweis die Gültigkeit des Siegtors bestätigte, sprangen die deutschen Spieler von der Bank aufs Eis.
Freudensprünge: Nachdem der Videobeweis die Gültigkeit des Siegtors bestätigte, sprangen die deutschen Spieler von der Bank aufs Eis. FOTO: dpa / Frank Franklin Ii
Pyeongchang. Deutsche Eishockey-Asse werfen Weltmeister Schweden mit einem 4:3-Sieg aus dem Olympiaturnier und sorgen für den größten Erfolg seit 42 Jahren.

Schier endlose Sekunden warteten Deutschlands Eishockey-Helden um Matchwinner Patrick Reimer gestern auf den Videobeweis. Dann war das Olympia-Wunder von Pyeongchang perfekt. Wie wild hüpften und tanzten die müden deutschen Kufen-Cracks nach dem Triumph im Krimi gegen Weltmeister Schweden über das Eis. Und auf der Bank versank ein ausgelassener Bundestrainer Marco Sturm in einer Jubeltraube. Nach dem sensationellen 4:3 (2:0, 0:0, 1:3) nach Verlängerung gegen den haushohen Favoriten steht die DEB-Auswahl erstmals überhaupt in einem olympischen Halbfinale und greift zum ersten Mal seit 1976 bei Winterspielen nach einer Medaille.


„Es ist ein historischer Tag für das deutsche Eishockey“, sagte Star-Verteidiger Christian Ehrhoff. Und Coach Sturm war einfach nur stolz: „Das ist unglaublich. Ein Moment, von dem man geträumt hat. Dass es dann so umgesetzt wird, ist einzigartig. So kann es weitergehen.“

Nach 1:30 Minuten in der Overtime sorgte Patrick Reimer für den Sudden Death der Schweden. Ausgerechnet Reimer, dessen Einsatz noch am Morgen wegen einer Verletzung nicht feststand. „Ich war heiß und habe darauf gebrannt zu spielen. Wer weiß, wann es wieder die Gelegenheit gegeben hätte, bei Olympia zu spielen“, sagte Reimer.

Und der Traum geht weiter. Im Halbfinale trifft Deutschland am morgigen Freitag auf Olympiasieger Kanada, der gegen Finnland 1:0 gewann. „Es wird wieder ein hartes Spiel“, sagte Kapitän Marcel Goc. Patrick Hager meinte: „Wir feiern nicht, wir genießen das. Wir sind eine hungrige Truppe, sind ehrgeizig. Wir haben die Qualität und können bei diesem Turnier jeden Gegner schlagen.“ Verbandschef Franz Reindl sagte: „Das war mehr als eine Sensation.“ Kanada sei „eine Hochgeschwindiglkeits-Maschine.“ Er sagte aber auch: „Die Mannschaft ist so vom Siegeswillen geprägt, dass sie weiß, was sie tun muss, um auch gegen Kanada zu bestehen.“

In der regulären Spielzeit hatten  Kölns Ehrhoff (14. Minute), Marcel Noebels (Eisbären Berlin/15.) und Dominik Kahun (49.) getroffen. Für den großen Favoriten waren Anton Lander (47.), Patrik Hersley (50.) und Mikael Wikstrand (52.) erfolgreich. Auf der Tribüne feierten erneut zahlreiche deutsche Olympia-Athleten inklusive Präsident Alfons Hörmann den historischen Erfolg.



„Wenn man das letzte Spiel gegen Schweden gesehen hat, war dies vielleicht auch ein Sieg der Gerechtigkeit. Die Mannschaft war einfach mental stark, hat sich auch von den Gegentoren nicht beeindrucken lassen“, sagte Hörmann.

Mit dem leidenschaftlich erkämpften Erfolg werden Erinnerungen an den sensationellen Gewinn der Bronzemedaille 1976 in Innsbruck wach. Der 13. Sieg im 103. Länderspiel gegen die Schweden toppt die überraschende Halbfinal-Teilnahme bei der Heim-WM 2010 noch, zumal damals anders als diesmal bei Olympia auch NHL-Profis dabei gewesen waren. Auch deshalb kommt die Fortsetzung des Aufschwungs unter Bundestrainer Sturm völlig unverhofft. Diesmal hatte sich die beste Liga der Welt geweigert, ihre Saison für die Spiele zu unterbrechen – und Sturm selbst vor Olympia Zweifel an seinem nur aus der heimischen Deutschen Eishockey Liga rekrutierten Kader gehabt.

Nach fünf Minuten hatten die Skandinavier bereits neun Torschüsse, Deutschland gar keinen. Mit Glück und Geschick verhinderte Torhüter Danny aus den Birken Schlimmeres. In Überzahl gelang dann die Wende. Am Ende kämpfte Deutschland aufopferungsvoll trotz schwerer Beine nach dem Sieg am Vortag gegen die Schweiz für den ersten Erfolg gegen Schweden bei einem großen Turnier seit 26 Jahren. Diesmal glichen die Schweden im Schlussdrittel sogar aus – ehe nach Reimers 4:3 alle Dämme brachen.