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Das Ungeheuer greift nach Gold

Rio de Janeiro. Olympia-Finale im Maracanã! Gegen Brasilien! Die deutschen Fußballer stehen vor einem historischen Spiel – gegen 80 000 Gegner. Für Horst Hrubesch wird das Finale in Rio de Janeiro der letzte große Auftritt. sid-Mitarbeiter Erik Roos

Auf eine wilde Party hat Horst Hrubesch keine Lust, schon wegen seines Rückens. "Mir fehlt eine Bandscheibe. Am Ende kann ich dann zwei Tage nicht mehr laufen", sagt der 65-Jährige und zwinkert mit den Augen. Für sein letztes großes Spiel erhofft sich der DFB-Trainer daher den eher klassischen Jubel: "Ich nehme lieber die Bierdusche."



Gefeiert wird Hrubesch nach dem Olympia-Finale gegen Brasilien an diesem Samstag (22.30 Uhr) so oder so. Der Einzug ins Endspiel ist bereits mehr als erwartet worden war, und der scheidende Trainer hat an diesem Erfolg großen Anteil. "Er ist einfach ein geiler Typ. Wir sind sehr froh, ihn zu haben", sagt nicht nur Mittelfeldspieler Julian Brandt.

Team will Trainer beschenken

Ein Hauch Wehmut war dann auch spürbar, als Hrubesch am Donnerstag im legendären Maracanã-Stadion zur Abschluss-Pressekonferenz schritt. "Ich erlebe das alles hier sehr bewusst, vielleicht mit einem weinenden, aber eher mit zwei lachenden Augen", sagt er und ergänzt: "Ich wusste immer, dass der Weg enden wird. Für mich ist das kein Abschied."

Für die Spieler indes schon. Immer wieder betont die Mannschaft, den Trainer unbedingt mit Gold beschenken zu wollen. "So ein letztes Spiel zu haben, ist für ihn ein Riesending", sagt der Hoffenheimer Niklas Süle. Der Leverkusener Brandt denkt einen Schritt weiter: "Wenn wir dieses Finale gewinnen sollten, ist er uns wahrscheinlich ewig dankbar. Er lebt dieses Turnier komplett."



Genau genommen lebt Hrubesch nicht nur Olympia, sondern den Fußball insgesamt. Noch heute schwärmen die wenigen Zaungäste davon, wie Hrubesch 2015 bei der U21-EM im Training den Ball aus 40 Metern in den Winkel hämmerte. Und dann, weil kaum jemand zugeschaut hatte, das Kunststück zehn Sekunden später noch mal wiederholte.

"Ich habe bis jetzt selten einen Trainer erlebt, der den Fußball so lebt, der trotz seines Alters am liebsten noch selbst auf den Platz gehen möchte und Tore schießen will. Das ist unfassbar", sagt Brandt.

Das "Monstro do Cabeceio"

Gold gegen Brasilien wäre der krönende Abschluss. Die Tageszeitung Folha de Sao Paulo stellte ihren Lesern den deutschen Trainer am Donnerstag als "Monstro do Cabeceio" vor, als ehemaliges Kopfball-Ungeheuer also. Dabei schwang eine Menge Respekt mit vor dem Mann, der dem Topfavoriten aus Südamerika die Gold-Medaille klauen will.

Doch das wird ein hartes Stück Arbeit: Der Fußball-Tempel Maracanã wird mit fast 80 000 Menschen ausverkauft sein, der Gegenwind für das deutsche Team wegen des denkwürdigen WM-Halbfinals 2014 noch heftiger als ohnehin schon. "Jeder hat dieses 1:7 im Hinterkopf, das könnte unsere Chance sein. Das ganze Land erwartet, dass Brasilien gewinnt", sagt DFB-Kapitän Max Meyer und schiebt Brasilien die Rolle des Favoriten zu: "Sie haben Neymar. Der hat einen Marktwert wie unsere ganze Truppe zusammen." Meyer sagt aber auch: "Klar, wir haben Silber sicher. Aber wir wollen Gold . Warum soll der ganz große Wurf nicht gelingen?" Und dann wird auch Hrubesch feiern. Ein ganz klein bisschen.