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Fußball-WM in Russland
Das Spiel, das keiner spielen will

St. Petersburg. England und Belgien treffen bei der Fußball-WM in Russland am Samstag im Duell um den dritten Platz aufeinander.

Eine „brillante Generation“ gegen „Messias und seine Jünger“, dazu ein Zweikampf um den Goldenen Schuh: Das bei den betroffenen Mannschaften eher unbeliebte WM-Spiel um Platz drei enthält zumindest einige interessante Aspekte. In Belgien und England treffen am Samstag (16 Uhr/ARD und Sky) in St. Petersburg zwei enttäuschte Halbfinal-Verlierer, aber auch zwei belebende Elemente dieser WM aufeinander. Beide werden am Ende ein positives Fazit ziehen, nahezu unabhängig vom Ausgang des sportlich fast wertlosen Spiels.


Ein einzelner Spieler wird aber zum großen Gewinner werden – und es wird aller Voraussicht nach Harry Kane sein. Der englische Kapitän und Mittelstürmer führt mit sechs Treffern die Torschützenliste an und steht kurz vor dem Gewinn des Goldenen Schuhs. Sein größter Konkurrent spielt auf der Gegenseite: Der Belgier Romelu Lukaku hat vier Tore erzielt. Die Franzosen Kylian Mbappé und Antoine Griezmann, die am Sonntag im Finale auf Kroatien treffen, stehen bei je drei. Kurios: Kane hat den Sieg in der Torjägerliste schon vor dem Turnier als Ziel ausgegeben. Und er und Lukaku pausierten gemeinsam beim 1:0 der Belgier zum Vorrunden-Abschluss, als beide Teams schon weiter waren.

Wie sehr sich der englische Fußball im vergangenen Jahrzehnt entwickelt hat, zeigen zwei Zitate. Der spätere Wolfsburger Trainer Steve McClaren wurde nach der verpassten Quali für die EM 2008 von der „Daily Mail“ noch als „Trottel mit dem Regenschirm“ verspottet. Gareth Southgate, schon der fünfte Nachfolger seitdem, huldigte die „Sun“ am Donnerstag mit den Worten: „Der Messias mit der Anzugweste heilte unser unruhiges Volk mit seinen jungen Jüngern.“

Doch den Engländern steckt wie den Belgiern der Frust des bitteren Halbfinal-Aus noch deutlich in den Knochen. Dass die Belgier einen Tag länger Pause hatten, könnte sich angesichts des Spannungsabfalls deshalb sogar als Nachteil erweisen. Dafür scheint der Antrieb der Roten Teufel größer: Sie können immerhin die „Goldene Generation“ ihres Landes übertreffen. 1986 war das Team um den damaligen Bayern-Torhüter Jean-Marie Pfaff Vierter geworden. Pfaff bezeichnete die heutige dieser Tage als „brillante Generation“.

„Der dritte Platz ist auf jeden Fall noch eine Motivation“, versichert der frühere Hamburger Vincent Kompany: „Schließlich hat Belgien das vorher noch nie erreicht.“ Das treibt auch den Ex-Wolfsburger Kevin De Bruyne an. „Wir wollen das schaffen, was Belgien noch nie geschafft hat“, betont der 27-Jährige. Freilich mit dem Nachsatz: „Aber es ist natürlich nicht das Spiel, das wir spielen wollten. Ich hätte gerne das Finale gespielt. Doch es ist das letzte Spiel der Saison, und man will immer mit einem guten Gefühl in den Urlaub gehen. Deshalb hoffe ich sehr, dass wir gewinnen werden.“



Nicht auch noch den letzten Rest des wochenlangen Hochgefühls zu verspielen, das ist auch Englands Hauptgedanke. „Wir hätten das Turnier gewinnen können. Aber wenn wir es jetzt nicht mehr gewinnen können, wollen wir es wenigstens mit einem Sieg beenden“, sagt Torhüter Jordan Pickford: „Wir wollen dieses Turnier mit einem Erfolgserlebnis beenden und eine schöne Erinnerung sammeln.“ Auch für England macht Platz drei oder vier statistisch einen Unterschied. Nachdem die Three Lions 1990 das Spiel um Platz drei verloren, würde die aktuelle Generation mit einem Sieg alleinig zweitbeste in der Historie des Fußball-Mutterlandes sein.