Das Saarland und seine Dopingfälle

Saarbrücken · Saarbrücken. Die saarländische Leichtathletik wird im Jahr 2016 durch gleich zwei Dopingfälle erschüttert: Rouven Christ und Timothy Abeyie. Für Doping-Schlagzeilen sorgten auch schon andere Sportler und Sportarten. Die SZ gibt einen Überblick – beginnend mit einem spektakulären Doppel-Fall 2003. Auch der Fußball war schon betroffen.

 Das Gastspiel von François Marque beim 1. FC Saarbrücken währt nicht lange. Verpflichtet wird er am 15. Oktober 2013, fristlos gekündigt wegen einer Dopingsperre am 25. Februar 2014. Foto: Schlichter

Das Gastspiel von François Marque beim 1. FC Saarbrücken währt nicht lange. Verpflichtet wird er am 15. Oktober 2013, fristlos gekündigt wegen einer Dopingsperre am 25. Februar 2014. Foto: Schlichter

Foto: Schlichter

Kelli White: Die US-Amerikanerin wird bei der WM 2003 in Paris nach dem 100-Meter-Finale positiv auf das Psycho-Stimulanzium Modafinil getestet. Ihre Verbindung zum Saarland? White ist damals die Freundin von Speerwerfer Boris Henry , dem Bär aus dem Warndt, der zunächst uneingeschränkt zu ihr hält. In Paris erklärte sie die Einnahme des Mittels mit der Krankheit Narkolepsie: "Ich bin oft sehr müde, schlafe nachts nicht. Ich habe das Medikament gebraucht, um normal leben zu können." Später gesteht sie, Tetrahydrogestrinon (THG) und Erythropoietin (Epo) in Verbindung mit Modafinil genutzt zu haben. Am 18. Juni 2004 werden White, die eine Zweijahressperre erhält, die WM-Goldmedaillen von Paris über 100 und 200 Meter aberkannt.

Dwain Chambers : Im Juli und August 2003 bereitet sich der damalige 100-Meter-Europarekorder Chambers gemeinsam mit Kelli White zwei Wochen lang an der Hermann-Neuberger-Sportschule in Saarbrücken auf die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Paris vor. Gerd Meyer , damals Präsident des Landessportverbandes für das Saarland und Saartoto-Chef, lädt die Trainingsgruppe mit Trainer Remi Korchemny und Ali Sparks sogar zum Essen ins Bistro Les jeux d'eau der Spielbank Saarbrücken ein. Im Oktober kommt heraus, dass Chambers bei einer Trainingskontrolle am 1. August in Saarbrücken positiv auf das anabole Steroid THG getestet worden ist. Er wird zwei Jahre gesperrt.

Peter Schmidt: Senioren-Radfahrer Peter Schmidt aus Winterbach wird am 1. Dezember 2007 bei den südwestdeutschen Meisterschaften im Querfeldeinfahren, die er in seiner Altersklasse gewinnt, positiv auf Norandrosteron (Nandrolon) getestet. Der SZ sagt der damals 43-Jährige, er habe in den Wochen vor dem Wettkampf ein Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen, das offenbar verunreinigt gewesen sei. Das Mittel sei frei verkäuflich in jeder Drogerie oder Apotheke. Das Bundessportgericht des Bundes Deutscher Radfahrer belegte Schmidt mit einer Startsperre von zwei Jahren.

OSP-Mitarbeiter in Saarbrücken : Das Amtsgericht Rosenheim hat im Februar 2015 einen ehemaligen Mitarbeiter des Olympiastützpunktes Rheinland-Pfalz/Saarland wegen Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Der Mediziner hatte zugegeben, Bodybuilder mit Dopingmitteln versorgt zu haben. Ein umfassendes Geständnis bewahrte ihn vor einer Haftstrafe. Von April 2009 bis Juni 2012 war er an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken tätig und hat Vorträge zum Thema Ernährungsberatung in ausgewählten Sportarten für Bundeskaderathleten und deren Trainer gehalten. Er bestritt, auch Profisportler mit Dopingmitteln versorgt zu haben. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Jahr 2012 hatte der OSP die Zusammenarbeit beendet. Nach SZ-Informationen arbeitet der Mann inzwischen als Sport- und Ernährungsmediziner in der Schweiz.

François Marque: Der Franzose unterschrieb am 15. Oktober 2013 einen Vertrag beim 1. FC Saarbrücken , der damals in der 3. Liga spielte. Sechs Wochen später, am 30. November, musste der Franzose nach der Partie gegen RB Leipzig zur Dopingprobe. Die war in A- und B-Probe positiv auf Kortison. Der Deutsche Fußball-Bund sperrte Marque im Februar 2014 für sechs Spiele, weil "die Substanz nicht zu den klassischen Wirkstoffen zur Steigerung von Kraft- und Ausdauerleistung gehört". Die Verantwortlichen des FCS sahen sich zum Handeln gezwungen und kündigten Marques Vertrag am 25. Februar 2014 fristlos. Der heute 33-Jährige ist noch aktiv. Er spielt beim FC Le Mont-sur-Lausanne in der 2. Liga der Schweiz.

Rouven Christ : Der Sprinter der Startgemeinschaft LAZ Saar 05 ist bei den deutschen Hallen-Meisterschaften am 20. und 21. Februar 2016 in Leipzig positiv getestet worden. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) bestätigt ein noch laufendes Verfahren gegen den Saarbrücker, die Staatsanwaltschaft Saarbrücken unter dem Aktenzeichen 82 Js 225/16 ein Ermittlungsverfahren wegen des Verstoßes gegen das Anti-Doping-Gesetz. Christ ist inzwischen Fitnesstrainer .

Pascal Triebel: Der 50-jährige Luxemburger Pascal Triebel nimmt am 31. Juli 2016 an einem Mountainbike-Rennen in Orscholz teil. Er belegt Platz zehn, entzieht sich aber anschließend einer Dopingkontrolle. Gegenüber dem Kontrolleur gibt er einen falschen Namen an und entfernt sich anschließend. Die luxemburgische Anti-Doping-Agentur (Alad) sperrte Triebel am Donnerstag für vier Jahre. Laut Welt-Anti-Doping-Code von 2015 (Artikel 2.3) zählt auch das Entziehen oder die Verweigerung einer Probe als Verstoß. Bereits 1998 wurde Triebel wegen einer positiven Dopingprobe ein nationaler Titel aberkannt.

Timothy Abeyie: Der frühere Sprinter des SV Saar 05 Saarbrücken wird am 16. Oktober 2016 für vier Jahre gesperrt. Öffentlich wird der Fall nach der Bekanntgabe durch die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada). Bei einer Urinprobe nach seinem 100-Meter-Sieg bei den süddeutschen Meisterschaften am 4. Juli 2015 in Kaiserslautern war Abeyie positiv auf die Steroide Stanozol und Metandienon getestet worden. Abeyie hat eigener Aussage zufolge nicht die finanziellen Mittel, um einer drohenden Dopingsperre zu entgehen und seine Unschuld zu beweisen (Öffnung der B-Probe , Untersuchung diverser Nahrungsergänzungsmittel). Der 34-jährige Brite mit ghanaischen Wurzeln, der inzwischen wieder in London lebt und als Fitnesstrainer arbeitet, akzeptiert die Sperre und beendet seine Karriere. "Es muss dir gelingen, auf den Punkt topfit zu sein, sonst hast du keine Chance. Und dafür musst du alle legalen Mittel bis zum Anschlag ausreizen", sagt Raphael Schäfer . Der 35-Jährige war über verschiedene Mittel- und Langstrecken mehrfacher deutscher Jugend- und Juniorenmeister und deutscher Vizemeister in der Aktivenklasse. Heute arbeitet Schäfer als Büroleiter von Minister Klaus Bouillon im saarländischen Ministerium für Inneres und Sport.

Die Dopingfälle in der saarländischen Leichtathletik in diesem Jahr, Rouven Christ und Timothy Abeyie, hat der Rehlinger mit Schrecken vernommen - und eine klare Meinung dazu: "Wenn man sich in dem Umfeld Leistungssport bewegt, muss man wissen, was man nehmen darf und was nicht." Er selbst hat diese Erfahrung gemacht. Schäfer nahm Nahrungsergänzungsmittel, ließ sich Vitamin-Dosen intravenös spritzen. Doping? "Diese Frage hat sich nie gestellt. Aus moralischen Gründen, aus gesundheitlichen Gründen und weil ich ehrlich zu mir selbst sein wollte. Deswegen habe ich vielleicht auch zu früh mit der Leichtathletik aufgehört und die berufliche Laufbahn eingeschlagen", sagt er.

Abeyie hatte in der SZ erklärt, er wisse nicht, wie der positive Test auf die Steroide Stanozolol und Metandienon passieren konnte. Immer wieder wird, wenn Athleten ihre Unschuld beteuern, von verunreinigten Nahrungsergänzungsmitteln gesprochen. Das Risiko, solche zu sich zu nehmen, besteht eigentlich gar nicht: "Ein Athlet, der sich auf der sicheren Seite befinden will, hält sich an Produkte, die auf der sogenannten Kölner Liste stehen", erläutert Frank Krämer. Der 46-Jährige ist Verbandsarzt des Saarländischen Leichtathletik-Bundes, betrieb früher selbst Kugelstoßen auf ambitionierter Ebene, nahm mehrfach an deutschen Meisterschaften teil und hält immer noch den Saarlandrekord mit 18,77 Metern.

Auf der "Kölner Liste" stehen Nahrungsergänzungsmittel, die auf Dopingsubstanzen getestet wurden. Eine Studie des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln zeigte, dass etwa 15 Prozent der in 13 Ländern erworbenen Nahrungsergänzungsmittel Anabolika enthielten, die nicht auf der Packung angegeben waren. In Deutschland enthielten elf Prozent der getesteten Nahrungsergänzungsmittel verbotene Anabolika . Bei den Anabolika handelt es sich um geringe Dosen, die nicht wirklich einen Effekt haben, aber zu positiven Tests führen können. Firmen, die Nahrungsergänzungsmittel vertreiben, führen oft Präparate in ihrem Angebot, die nicht erlaubt sind im Leistungssport . "Verunreinigungen können da schnell passieren, vor allem bei Präparaten aus Übersee", sagt Krämer und rät dringend davon ab, Produkte zu nehmen, deren Herkunft nur im Geringsten unklar sein könnten. Inwiefern das in den Fällen Christ und Abeyie passiert ist, bleibt Spekulation. Abeyie hat seine Sperre akzeptiert, das Verfahren gegen Christ läuft noch.