Leichtathlet Bryan kämpft um EM-Ticket: Das Saarland ist Bryans Beschleuniger

Leichtathlet Bryan kämpft um EM-Ticket : Das Saarland ist Bryans Beschleuniger

Der Sprinter startet seit diesem Jahr für den LC Rehlingen. Bei den deutschen Meisterschaften will er sich sein EM-Ticket holen.

Stabhochspringer Raphael Holzdeppe läuft mit freiem Oberkörper durch die Leichtathletik-Halle, Weitspringerin Alexandra Wester macht Dehnübungen, Sprinterin Laura Müller und die Mehrkämpferinnen Abigail Adjei und Louisa Grauvogel arbeiten im Kraftraum. Disziplin-Bundestrainer Ulrich Knapp ruft immer mal wieder Anweisungen durch die Halle – klar, prägnant. Die Konzentration stimmt bei allen. Der Fokus der besten Saarländer und der hier trainierenden Gastathleten ist voll auf die deutschen Meisterschaften am Wochenende in Nürnberg gerichet.

Michael Bryan versteckt sich in der hintersten Ecke der Halle, macht ein paar Lockerungsübungen an den Hürden. Abseits zwar, aber voll integriert. „Er tut der Trainingsgruppe mit seiner Art unheimlich gut“, sagt Knapp über den 1,65 Meter kleinen Sprinter, der seit diesem Jahr für den LC Rehlingen antritt.

Sportlich ist Michael Bryan für den Saarländischen Leichtathletik-Bund ein absoluter Gewinn, schließlich ist er neben Siebenkämpferin Louisa Grauvogel (LG Saar 70) und Laura Müller (LC Rehlingen) einer von drei SLB-Athleten, die vor der DM die Norm für die Heim-EM Anfang August in Berlin erfüllt haben. Doch während Grauvogel und Müller vom Deutschen Leichtathletik-Bund bereits in das EM-Team berufen wurden, muss Bryan um seine Teilnahme noch zittern.

„Ich bin ganz schön nervös“, sagt der 26-Jährige mit Blick auf die Wettkämpfe im Max-Morlock-Stadion. Denn seine letzten Tage waren geprägt von einem ständigen Auf und Ab. Bei einer sportmedizinischen Untersuchung am vergangenen Donnerstag wurde ein Eisenmangel festgestellt. Eine Ursache, warum er sich zuletzt öfter mal schlapp fühlte. Die entsprechenden Aufbaupräparate hat Trainer Knapp umgehend bestellt.

Beim World Cup am Wochenende in London war Bryan trotzdem am Start, zeigte einen starken Auftritt als Startläufer der 4x100-Meter-Staffel, brach aber auf den 200 Metern komplett ein. 21,45 Sekunden – damit ist er eine Ewigkeit von seiner Saisonbestmarke (20,58) entfernt. In Nürnberg muss Bryan, der aktuell drittbeste Deutsche über 200 Meter, aber in diese Region vorstoßen, um seine EM-Norm zu bestätigen, unter die besten Drei und damit nach Berlin zu kommen. Auch über 100 Meter ist er am Start und kämpft um einen Platz in der EM-Staffel. „Ich will nach Berlin, das ist mein Ziel. Und deswegen bin ich ja auch ins Saarland gekommen“, sagt Bryan.

Seine Geschichte ist schon ein wenig kurios. Bryan hat zwei Staatsbürgerschaften, eine US-amerikanische und eine deutsche, dank seiner deutschen Mutter. Die hatte damals einen US-Soldaten geheiratet. Bryan ist in den USA geboren, die Familie pendelte eine Weile. Als er vier Jahre alt ist, bleibt sie fest in Texas.

Im College spürt der talentierte Bryan erstmals, dass er es im Leistungssport weit bringen könnte. Nur weiß er um die brutale Konkurrenzsituation in den USA und „nicht immer faire Bedingungen“. So entschließt er sich 2016, nach Deutschland zu gehen, für Deutschland zu starten, die Heimat seiner Mutter, die aus Hanau stammt. „Sie ist unheimlich glücklich und stolz, dass ich diesen Weg gegangen bin, dass ich auch die Wurzeln mütterlicherseits kennenlernen wollte“, sagt Bryan. Dabei spricht er gar kein Deutsch. Inzwischen versteht er zwar vieles, tut sich beim Reden aber schwer. Schon die Wahl des Artikels bringt ihn manchmal zur Verzweiflung. „Der, die, das – das ist mit das Schlimmste am Deutschen“, sagt er und lacht. Trotzdem fühlt er sich wohl in seiner zweiten Heimat: „Ich bin Deutscher, daran besteht kein Zweifel.“

Sein erster Weg führt ihn 2016 zur TSG Weinheim – „weil es der erste Verein war, der auf meine Mail geantwortet hatte“. Bryan hatte von den USA aus eine Reihe von Clubs angeschrieben. In Weinheim findet er sich prima ein, auch wenn das Leben anders ist als in den USA. „Vor allem die Menschen“, sagt Bryan.

Einen, den er direkt ins Herz geschlossen hat, lernt er bei den deutschen Meisterschaften 2017 in Erfurt kennen: Ulrich Knapp. „Ich mag ihn total“, sagt Bryan. Der Wechsel ins Saarland ist schnell eingefädelt. Bryan erhält ein passendes Angebot, kommt beim LC Rehlingen unter, wohnt an der Sportschule. Und trainiert endlich professionell. In einer starken Gruppe. Mit einem Trainer, der ihn im Auge hat, auf ihn eingeht. „Er hilft mir, besser zu werden. Er motiviert mich“, sagt Bryan. In Weinheim, wo der Verein viel in den Kinderbereich investiert, war er weitestgehend auf sich allein gestellt.

Das ist hier anders. Und deswegen reifen in Bryan auch große Ziele. Nicht nur die Teilnahme an der Heim-EM in Berlin, auch an Olympischen Spielen. „Das ist ein ultimatives Ziel“, sagt er: „Und hier kann ich das erreichen.“ Sein Blick geht durch die Leichtathletik-Halle der Saarbrücker Sportschule. Zu Holzdeppe. Zu Müller. Zu Olympioniken, wie auch er einer sein will.

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