Das Prinzip Hoffnung

Mesut Özil wurde nach seiner Auswechslung gegen Kamerun gnadenlos ausgepfiffen. Bei seiner enttäuschenden Vorstellung lag der Regisseur einmal mehr weit hinter seinen eigenen riesigen Ansprüchen zurück.

Eigentlich müssten auch dem Bundestrainer langsam Bedenken für seine WM-Mission kommen. Zwei Wochen vor dem Ernstfall im heißen Salvador gegen Portugal offenbart die deutsche Fußball-Nationalmannschaft noch erhebliche Mängel, die nach der Ausmusterung des angeschlagenen Dortmunders Marcel Schmelzer sowie der Ergänzungskräfte Kevin Volland und Shkodran Mustafi nicht behoben sind. Die Ungewissheit, ob sich die vielen Fragezeichen im Team von Joachim Löw bis zum 16. Juni tatsächlich auflösen, ist groß.

Der Chef der Brasilien-Expedition aber weicht keinen Millimeter von seiner Alles-wird-gut-Linie ab: "Ich bin absolut überzeugt, dass wir in zwei Wochen in einer viel besseren Verfassung sind", erklärte Löw nach dem 2:2 gegen Kamerun.

Am Tag nach dem vorletzten Test für das WM-Turnier in Brasilien sortierte Löw in Linksverteidiger Schmelzer einen ursprünglich für die Startelf vorgesehen Akteur aus. Stürmer Volland und Innenverteidiger Mustafi spielten schon gegen Kamerun als Bankdrücker keine Rolle mehr. "Natürlich sind Shkodran, Marcel und Kevin sehr enttäuscht", sagte Löw, betonte aber: "Mit diesem Aufgebot fliegen wir selbstbewusst nach Brasilien, wir haben dort große Ziele."

Löw zieht sich nach der Auswahl seiner 23 Brasilien-Fahrer noch einmal für zwei Tage zur Analyse in seine Heimat Freiburg zurück. Die unbefriedigende Vorstellung vor 41 250 Fans in Mönchengladbach und über elf Millionen TV-Zuschauern warf mehr neue Fragen auf, als alte zu beantworten.

Neben Schmelzer war auch der als einsatzfähig angekündigte Bastian Schweinsteiger noch nicht wettkampfbereit. Miroslav Klose, der nach einer schwierigen Saison eigentlich Spielrhythmus braucht, saß überraschend 90 Minuten auf der Bank. Philipp Lahm und Manuel Neuer müssen nach Verletzungen in München weiter individuell trainieren.

Der Bundestrainer überraschte einmal mehr mit seiner Sicht. Wie Lahm und Neuer sei auch Schweinsteiger "voll belastbar", meinte er. Dass sein Schlüsselspieler Sami Khedira nach gerade überstandenem Kreuzbandriss noch nicht "im Vollbesitz seiner Kräfte ist", leuchtet noch ein. Aber Löws optimistische Analyse des Trainingslagers im Passeiertal wurde auch vom Auftritt seiner gesunden WM-Akteuren gegen Kamerun nicht gestützt.

Mario Götze fremdelte nicht zum ersten Mal mit seiner Rolle als "falsche Neun" im Angriffszentrum. Mesut Özil wirkte nach seiner vergebenen Großchance gleich in der Startminute gehemmt. Die Chancenverwertung bleibt ausbaufähig, die defensive Stabilität ebenso. Die Lösung mit Per Mertesacker und Mats Hummels in der Innenverteidigung sowie Jérome Boateng auf der rechten Seite könnte die WM-Variante werden, falls Löw seinen Kapitän Philipp Lahm doch ins Mittelfeldzentrum stellen will. Auf der positiven Seite darf Löw das Auswahl-Debüt des Ex-Saar brückers Erik Durm verbuchen, für den sich mit dem ersten Länderspiel und dem WM-Ticket "ein Kindheitstraum" erfüllte. Die Joker André Schürrle und Lukas Podolski brachten noch einmal Wucht ins Spiel.

Am Donnerstag kommt das Team in Mainz wieder zusammen, am Freitag steht die WM-Generalprobe gegen Armenien auf dem Programm. Sollte die misslingen, könnte auch Löw 24 Stunden später nicht mehr mit ruhigem Gewissen in den Flieger nach Brasilien steigen.Mesut Özil sah keinen Redebedarf. Nach seinem schwachen Auftritt im WM-Test der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Kamerun (2:2) sparte sich der 25-Jährige den Weg zu den Journalisten und suchte die direkte Route in den Mannschaftsbus. Es war an diesem Abend fast die einzige zielstrebige Aktion des Regisseurs, der seinen 64-minütigen Auftritt in Mönchengladbach zuvor mit hängenden Schultern, im Trabtempo und mit haarsträubenden Patzern bestritten hatte.

"Er hatte nicht seinen besten Tag. Ihm sind Fehler unterlaufen, die er normalerweise nicht macht", sagte Bundestrainer Joachim Löw, "aber auch das werden wir hinbekommen. Er wird sich steigern bis zum WM-Beginn." Mit seiner Nibelungentreue zum zweifellos in höchstem Maße veranlagtem Mittelfeldspieler vom FC Arsenal steht Löw aber zunehmend alleine da. Bei seiner überfälligen Auswechslung wurde Özil in Mönchengladbach ausgepfiffen - ein Pfeifkonzert hatte er schon bei seinem ebenso mangelhaften Auftritt im März gegen Chile kassiert.

Zur "Legende", zum "weltbesten Spieler" und Weltmeister will Özil werden, bekräftigte er zuletzt regelmäßig in Interviews. Doch wo andere Spieler von internationaler Klasse mitreißen und vorangehen, läuft Özil nur mit. Auch gegen Kamerun lamentierte und haderte er, winkte ab, resignierte mit wehleidigem Gesicht. Und er verschleppte das deutsche Spiel.

"Mesut muss an seiner Körpersprache arbeiten", sagte der Bundestrainer: "Er muss auch dann, wenn ihm mal etwas misslingt, zeigen, dass er dies wegsteckt und signalisiert: Ich bin trotzdem weiter da und kann das Spiel prägen." In Gladbach vergab Özil nach nur 40 Sekunden die größte Chance zur Führung und tauchte danach fast völlig ab. Jenes Phlegma wird Özil auch in seiner Wahlheimat England vorgeworfen. Für 50 Millionen Euro war er im Sommer 2013 von Real Madrid zum FC Arsenal gewechselt, stand bei den Gunners nach starkem Beginn aber zuletzt regelmäßig in der Kritik. Bei Arsenals Vereinstrainer Arséne Wenger ("Er hat eine fantastische Technik und spielt intelligente Pässe") hat Özil wie bei Löw noch Kredit. In Brasilien muss Özil aber tunlichst zurückzahlen.

Zum Thema:

Auf einen BlickDer WM-Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft: Tor: Manuel Neuer (Bayern München, geboren am 27.03.1986, 45 Länderspiele/keine Tore), Roman Weidenfeller (Borussia Dortmund, 06.08.1980, 2/-), Ron-Robert Zieler (Hannover 96, 12.02.1989, 3/-). Abwehr: Jérôme Boateng (Bayern München, 03.09.1988, 38/-), Erik Durm (Borussia Dortmund, 12.05.1992, 1/-), Matthias Ginter (SC Freiburg, 19.01.1994, 2/-), Kevin Großkreutz (Borussia Dortmund, 19.07.1988, 4/-), Benedikt Höwedes (Schalke 04, 29.02.1988, 20/1), Mats Hummels (Borussia Dortmund, 16.12.1988, 29/2), Philipp Lahm (Bayern München, 11.11.1983, 105/5), Per Mertesacker (FC Arsenal, 29.09.1984, 97/4). Mittelfeld: Julian Draxler (Schalke 04, 20.09.1993, 11/1), Mario Götze (Bayern München, 03.06.1992, 28/7), Sami Khedira (Real Madrid, 04.04.1987, 45/4), Christoph Kramer (Borussia M'gladbach, 19.02.1991, 2/-), Toni Kroos (Bayern München, 04.01.1990, 43/5), Thomas Müller (Bayern München, 13.09.1989, 48/17), Mesut Özil (FC Arsenal, 15.10.1988, 54/17), Lukas Podolski (FC Arsenal, 04.06.1985, 113/46), Marco Reus (Bor. Dortmund, 31.05.1989, 20/7), André Schürrle (FC Chelsea, 06.11.1990, 32/12), Bastian Schweinsteiger (Bayern München, 01.08.1984, 101/23).Angriff: Miroslav Klose (Lazio Rom, 09.06.1978, 131/68). sid