Das Phänomen Großkreutz

Das Phänomen Großkreutz

In der Abwehr hat Borussia Dortmund Sorgen, nicht aber auf der Rechtsverteidiger-Position. Dort spielt Kevin Großkreutz derzeit so gut, dass sogar ein Stammplatz bei der WM 2014 in Brasilien denkbar ist.

Es gab während des 0:3 gegen Bayern München am Samstag nicht viele schöne Momente für die Anhänger von Borussia Dortmund, aber in der 79. Minute wurde kräftig gejubelt im Westfalenstadion. Es war der Augenblick, in dem Lukasz Piszczek in die Partie kam. Der Rechtsverteidiger hatte in Folge einer Hüftoperation seit Mai kein Spiel für den BVB absolviert. Natürlich klatschte auch Kevin Großkreutz zur Begrüßung. Wobei die Genesung des Polen für den Ur-Dortmunder das Ende eines wunderschönen Saisondrittels bedeuten könnte.

Alternative im WM-Kader

Großkreutz ist nämlich der einzige Dortmunder, der bisher sämtliche Partien in allen Wettbewerben über 90 Minuten absolviert hat - und zwar als Rechtsverteidiger. Auf jener Position, auf der in den zurückliegenden Spielzeiten Piszczek gesetzt war. In der wichtigen Champions-League-Partie heute gegen den SSC Neapel (20.45 Uhr) muss der BVB unbedingt gewinnen, um die Chancen auf das Erreichen des Achtelfinales zu wahren. Trainer Jürgen Klopp wird wohl noch keine Veränderungen an dieser Stelle vornehmen, aber Piszczek "ist wieder da", verkündet Klopp hoch erfreut.

Solche positiven Nachrichten tun gut in diesem schwierigen Dortmunder Herbst, aber irgendwie passt es zur komplizierten Situation, dass diese überraschend schnelle Genesung umgehend neue Schwierigkeiten produziert. Mit Pisz-czek kehrt ausgerechnet jener Spieler zurück, der am ehesten ersetzt werden konnte. Großkreutz hat seinen Job so gut erledigt, dass Klopp seinen Allrounder irgendwann als "kleines taktisches Genie" bezeichnete. Auch am Samstag gegen die Bayern spielte der 25-Jährige beeindruckend. Und diverse Experten von Lothar Matthäus bis Oliver Kahn haben bereits die Empfehlung ausgesprochen, der Bundestrainer möge darüber nachdenken, Großkreutz mit zur WM nach Brasilien zu nehmen.

Gute deutsche Rechtsverteidiger sind nämlich eine Rarität. Natürlich gibt es Philipp Lahm, aber der ist beim FC Bayern zum Mittelfeldspieler geworden. Und wenn der Münchner im Nationalteam gar nicht spielt, oder wie zuletzt gegen Italien im Zentrum benötigt wird, muss Löw Innenverteidiger wie Heiko Westermann oder Benedikt Höwedes rechts aufstellen. So anpassungsfähig wie Großkreutz ist keiner.

Position ist ihm egal

"Kevin schafft es Jahr für Jahr, sich auf unterschiedlichsten Positionen mit unterschiedlichsten Anforderungen weiterzuentwickeln", sagt Klopp über seinen Spieler, der in der Vorsaison nicht zur ersten Elf zählte, wenn alle gesund waren.

Damals gehörte er noch der Kategorie der Mittelfeldspieler an, und gegen Weltklasse-Techniker wie Marco Reus, Mario Götze oder Jakub Blaszczykowski konnte er sich nicht durchsetzen. In vielen Spielen wurde Großkreutz erst in der Schlussphase eingewechselt - als Offensivspieler fehlen ihm auf Weltklasse-Niveau ein paar technische Grundfertigkeiten. Hinten fällt das nicht so ins Gewicht, deshalb ist die Rechtsverteidiger-Position so interessant für ihn. Großkreutz selbst mag sich an solchen Debatten nicht beteiligen. "Ich spiele da, wo ich hingestellt werde. Hauptsache, ich stehe auf dem Platz", sagt er.

Wichtiger als seine Position ist ihm ohnehin der Club, für den er spielt. Die Skyline seiner Stadt trägt er als Tattoo auf der Wade, als Jugendlicher stand er selbst im Block. Er ist Fan, "unsere Standleitung auf die Südtribüne", sagt Klopp. Als Identifikationsfigur funktioniert er besser als jeder andere im Kader des BVB. Egal ob im Tor, auf der Außenbahn oder im Sturm.