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Das letzte Hurra der Bundestrainerin

Bundestrainerin Silvia Neid wirkt gelöst und entspannt – trotz der bevorstehenden Gold-Mission. Foto: Roessler/dpa
Bundestrainerin Silvia Neid wirkt gelöst und entspannt – trotz der bevorstehenden Gold-Mission. Foto: Roessler/dpa FOTO: Roessler/dpa
Rio de Janeiro. Silvia Neid will es noch einmal wissen. Bei den Olympischen Spielen, ihrem letzten Turnier als Bundestrainerin der deutschen Fußball-Frauen, möchte sie die DFB-Auswahl endlich zu olympischem Gold führen. dpa-Mitarbeiter Eric Dobias

Die letzte Dienstreise fühlt sich für Silvia Neid fast wie ein Urlaubstrip an - hätte sie am Zuckerhut nicht noch eine Mission zu erfüllen. Bei den Olympischen Spielen in Rio will Neid ihre Karriere als Bundestrainerin der deutschen Fußball-Frauen mit Gold krönen. "Wir möchten so lange wie möglich im Turnier bleiben, sprich bis zum Finale. Es wäre natürlich wunderschön, mit einer Goldmedaille heimzukehren", verkündet die 52-Jährige das ambitionierte Ziel.



Für Neid schließt sich bei den Sommerspielen der Kreis. 1996 in Atlanta war sie als Spielerin dabei und beendete danach ihre aktive Laufbahn. Nach Rio gibt sie nun ihr Traineramt an Steffi Jones ab. Unter Erfolgsdruck setzt sie sich zum Abschluss ihrer elfjährigen Amtszeit aber nicht. "Ich möchte die letzten Wochen mit den tollen Menschen, die um mich herum sind, also die Mannschaft und meine Crew, genießen", betont Neid. Nach knapp drei Wochen Urlaub und vier Lehrgängen seien die Spielerinnen, ganz anders als vor Platz vier bei der WM vergangenen Sommer in Kanada, auch vom Kopf her frei: "Daher sind wir guter Dinge."

Von der üblichen Anspannung vor einem großen Turnier, in das die DFB-Frauen heute (23 Uhr/ARD) in São Paulo mit dem Spiel gegen Simbabwe starten, ist dieses Mal nichts zu spüren. Vielleicht, weil Neid auf der Zielgerade ihrer Trainerlaufbahn mit sich im Reinen ist. "Ich bin total zufrieden mit meiner Karriere. Die meisten meiner Trainerkollegen sind in ihrem Leben noch nie Europameister geworden, geschweige denn Weltmeister", sagt sie.

Das alles hat Neid geschafft. Als Spielerin, Co-Trainerin und Bundestrainerin war sie bei allen acht deutschen EM-Triumphen dabei. 2007 holte sie bei ihrem ersten großen Turnier in verantwortlicher Position den WM-Titel. Mit diesen Pfunden lässt sich wuchern. "Natürlich weiß ich, dass es das letzte Turnier für mich ist, in das ich voll motiviert gehe und in dem ich das Beste herausholen will. Am liebsten natürlich Gold ", erklärt sie: "Aber ich bewerte meine Trainer-Karriere nicht nach einem Olympiasieg."

Als ihr der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger 2005 den Job antrug, wollte sie eigentlich ablehnen. "Ich war als Assistentin von Tina Theune-Meyer sehr zufrieden. Wenn Theo Zwanziger mir nicht Mut zugesprochen hätte, hätte ich es nicht gemacht", verrät Neid. Den Schritt ins Rampenlicht hat sie aber nicht bereut, auch wenn es Rückschläge wie bei den Weltmeisterschaften 2011 und 2015 zu verkraften galt.



Vor allem die heftige Kritik nach der Heim-WM vor fünf Jahren setzte ihr merklich zu. Doch Silvia Neid biss sich durch und gab mit dem EM-Sieg 2013 die richtige Antwort. "Das gehört zu einer Laufbahn dazu, dass man auch einmal verliert. Entscheidend ist, wie geht man aus einer solchen Situation heraus", sagt sie heute.

Beim DFB leitet sie ab September die neue Abteilung Scouting im Frauen- und Mädchenfußball. Hinter den Kulissen erwartet sie "wieder einmal Pionierarbeit". Die Spielerinnen können sich die Nationalmannschaft ohne Neid "nur schwer vorstellen", wie Spielführerin Saskia Bartusiak zugibt: "Selbst in meiner langen Karriere als Nationalspielerin war sie immer präsent."

Genau das will Neid nach all den Jahren als Gesicht ihrer Sportart nicht mehr. "Ich habe dann mehr Zeit für mich, will andere Sachen erleben", sagt sie. Und doch hat sie sich mit dem nahen Abschied aufgrund der intensiven Olympia-Vorbereitung noch nicht ausgiebig beschäftigt. Am meisten vermissen werde sie wohl "das unglaublich schöne Gefühl, für die Mannschaft mit dem deutschen Adler auf der Brust verantwortlich zu sein. Das ist schon etwas Außergewöhnliches." Bei Olympia möchte sie dies noch einmal so oft wie möglich auskosten - heute am späten Abend zum ersten Mal.

Zum Thema:

Auf einen Blick Das olympische Fußballturnier der Frauen beginnt heute mit den Vorrundenspielen in den drei Gruppen E (Brasilien, China, Schweden, Südafrika), F (Kanada, Australien, Simbabwe und Deutschland) sowie G (USA, Neuseeland, Frankreich, Kolumbien). Die deutschen Partien sind heute (23 Uhr/ARD) gegen Simbabwe, am Samstag (23 Uhr/ARD) gegen Australien und am 9. August (21 Uhr/ARD) gegen Kanada. Für das Viertelfinale qualifizieren sich die Gruppensieger und -zweiten sowie die zwei besten Gruppendritten. red