Das Leben nach Olympia ist schon präsent

Das Leben nach Olympia ist schon präsent

Fellbach. Drei kleine, aneinandergereihte Fotos sind über der Türklinke im zweiten Stockwerk eingeklemmt. Diese typischen Bilder aus einem Fotoautomaten. Darauf abgebildet: Camilla Pfeffer, Regina Sergeeva und Cathrin Puhl. In verschiedenen Posen, immer lachend. "Es war eigentlich direkt klar, wer mit wem in eine Wohnung zieht", erzählt Cathrin Puhl, die seit 1

Fellbach. Drei kleine, aneinandergereihte Fotos sind über der Türklinke im zweiten Stockwerk eingeklemmt. Diese typischen Bilder aus einem Fotoautomaten. Darauf abgebildet: Camilla Pfeffer, Regina Sergeeva und Cathrin Puhl. In verschiedenen Posen, immer lachend. "Es war eigentlich direkt klar, wer mit wem in eine Wohnung zieht", erzählt Cathrin Puhl, die seit 1. November 2011 nicht mehr im Internat in Schmiden-Fellbach lebt. "Normal bleibt man dort, bis man 18 Jahre alt ist", erklärt die 17-jährige Saarländerin, "aber es ist jetzt viel Nachwuchs nachgekommen. Deswegen hat die Stützpunktleitung beschlossen, dass wir raus müssen."Was ihr eigentlich ganz recht war. Puhl wohnte, abgesehen von einer kurzen verletzungsbedingten Unterbrechung, seit 2007 im Internat des Nationalmannschaftszentrums für Rhythmische Sportgymnastik (RSG) in Baden-Württemberg. "Dort hat man zwar schon ein eigenes Zimmer gehabt", berichtet die Gruppen-Gymnastin, "aber es gab viele Regeln. Direkt nebenan hat die Betreuerin gewohnt, und man hatte kaum Privatsphäre."

Bimperling wird aufhören

Während Cathrin Puhl mit ihren Nationalmannschafts-Kolleginnen Pfeffer und Sergeeva in die zehn Minuten entfernte Wohnung gezogen ist, lebt Mira Bimperling - wie Puhl vom TV Rehlingen - mit Sara Radman zusammen. Am anderen Ende von Fellbach, im Stadtteil Oeffingen. Gemeinsam mit Nicole Müller haben die fünf RSG-Mädchen im September 2011 bei der Weltmeisterschaft in Frankreich den sechsten Platz belegt und sich für die Olympischen Sommerspiele in London qualifiziert. "Jetzt, wo das neue Jahr begonnen hat, realisiert man Olympia immer mehr", sagt die ebenfalls 17-jährige Bimperling. In ihrem Wohnzimmer hängen bislang zwei große Bilder: ein Plakat ihrer RSG-Gruppe und ein großes Foto von ihr und Sara Radman. "An die Wand", erzählt Mira Bimperling und deutet auf die leere Fläche, "kommt noch ein London-Bild über Olympia. Sara hat das vor Kurzem gesehen. Das müssen wir noch haben."

Bimperling, die erst Ende 2009 nach Fellbach zog, hat ihre Wohnung und ihr Zimmer liebevoll eingerichtet. "Eigentlich ein bisschen schade", findet sie. Der Grund: Nach den Olympischen Spielen wird sie wieder ausziehen, dann ist Schluss für die Gymnastin. "Es war von Anfang an klar, dass ich dann aufhören werde", erklärt Mira Bimperling: "Ich wollte mein Abitur im Saarland machen und habe das mit dem Gymnasium am Rotenbühl so vereinbart." Beim Grand Prix Masters Mitte Oktober in Berlin wird sie offiziell aus der RSG-Gruppe verabschiedet. "Der Sport wird mir fehlen, aber ich möchte unbedingt studieren. In Hamburg oder Berlin. Ich werde versuchen, langsam abzutrainieren und vielleicht Volleyball oder Leichtathletik zu machen", sagt sie, "irgendwann muss das normale Leben beginnen".

Schließlich durchleben Cathrin Puhl und Mira Bimperling nicht den typischen Alltag. In der Vorbereitungsphase zu Olympia fällt der Schulunterricht am Vormittag häufiger komplett aus. Stattdessen wird trainiert - acht Stunden am Tag. Zuerst mit Ballettmeister Vladimir Komkov und anschließend unter den strengen Augen von Teamchefin Ekaterina Kotelnikova und Bundestrainerin Natalia Stsiapanava. "Das spüre ich extrem. Wir haben das Pensum noch mal erhöht. Ich habe überall Muskelkater", seufzt Bimperling. Dazu kommen bei jeder Einheit die Gewichtskontrollen. Cathrin Puhl beispielsweise muss bei einer Körpergröße von 1,74 Meter ihr Gewicht von 53 Kilo halten.

Im Gegensatz zu Mira Bimperling ist sich Puhl noch nicht sicher, wie ihr Weg nach den Olympischen Spielen aussehen wird. "Eigentlich hätte ich dieses Jahr mein Abi gemacht. Aber ich habe jetzt ein Parkjahr eingeschoben. Ich gehe also weiter in den Unterricht, allerdings nur in den Hauptfächern, damit ich nicht alles verpasse. Mein Abi mache ich dann nächstes Jahr", erzählt sie.

Im Anschluss würde sie der Bereich Mediendesign reizen, ebenso wie ein Beruf im Bereich des Kriminalamtes der Polizei. "Die Bundespolizei wählt auch fünf Sportler pro Jahr aus, die daneben weiter trainieren können. Also könnte ich hier noch ein bisschen weitermachen", überlegt Cathrin Puhl: "Wenn ich weiter trainiere, dann müsste ich das aber bis Olympia 2016 in Rio de Janeiro durchziehen. Und ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Aber Rio wäre schon genial. Dazu kommt, dass die WM 2015 in Stuttgart ist, also fast in der eigenen Stadt." Ein Heimspiel also, schließlich ist Schmiden noch keine zehn Kilometer von Stuttgart entfernt.

Entscheidung nach London

Ihre Entscheidung muss Cathrin Puhl dem Stützpunkt spätestens nach London mitteilen. Ebenso wie die anderen Gymnastinnen. Denn "bei denen sieht es nicht anders aus. Die sind sich auch noch nicht sicher, ob sie weitermachen", erzählt Puhl. Könnte also gut sein, dass im kommenden Jahr das ein oder andere neue Gesicht auf einem Foto über der Türklinke zu sehen sein wird.

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