| 21:15 Uhr

Fußball-WM in Russland
Das „Huh“-Wunder findet seine Wiederholung

Bundesliga-Profi Alfred Finnbogason (rechts) läuft auf die Kamera zu. Die Welt soll sehen, wer den Ausgleich gegen Argentinien erzielt hat.
Bundesliga-Profi Alfred Finnbogason (rechts) läuft auf die Kamera zu. Die Welt soll sehen, wer den Ausgleich gegen Argentinien erzielt hat. FOTO: dpa / Wang Yuguo
Moskau. Island trotzt Topfavorit Argentinien sensationell einen Punkt ab. Alfred Finnbogason trifft, Lionel Messi verschießt Elfmeter.

„Huh!“, tönte es in Frankreich. „Huh!“, heißt es nun in Russland. Nach dem großen Coup samt anschließender Party auf dem Rasen hat Fußball-Zwerg Island schon das nächste Fest im Sinn. „Wartet mal ab, wie wir feiern, wenn wir mal ein Spiel gewinnen. Das wird erst eine Feier sein“, kündigte Trainer Heimir Hallgrímsson nach dem beeindruckenden Punktgewinn der frechen Wikinger gegen Superstar Lionel Messi und dessen Argentinier an. In der Kurve ließen sich die erschöpften Spieler von ihrem beeindruckend lauten Anhang schon nach dem Remis feiern. Die 1:1-Überraschung gegen den zweimaligen Weltmeister sorgte bei Island für große Gefühle.


„Wir erleben die besten Momente in Islands Fußball-Historie“, sagte Augsburgs Alfred Finnbogason, der kaltschnäuzig die Führung von Starstürmer Sergio Agüero ausgeglichen und damit Islands erstes Tor bei der WM-Premiere erzielt hatte. „Das ist der großartigste Moment in meiner Karriere, ohne Zweifel. Wir schreiben hier Geschichte – und das Tor ist das Sahnehäubchen“, berichtete der völlig euphorisierte und losgelöste Finnbogason, der vor allem wegen seiner Qualitäten bei der Abwehrarbeit gegen den Ball aufgeboten wurde. „Er hat getroffen, also können wir nicht so falsch gelegen haben“, erklärte der Trainer, dessen Matchplan gegen den hohen Favoriten ideal aufging.

Tatsächlich dürfen die Insel-Kicker vor dem zweiten Spiel gegen Nigeria am Freitag auf einen erneuten Vorrunden-Coup hoffen. Den schwersten Gegner haben Finnbogason und Co. hinter sich, gegen Kroatien haben sie sich bereits in der Qualifikation durchgesetzt. „Das ist eine Art Meilenstein für uns. Gegen Argentinien zu spielen, ist nicht das Einfachste. Uns gibt dieser Punkt sehr viel“, sagte Hallgrímsson. Die Situation gleicht der bei der EM 2016: Damals trotzte Island zum Start Portugal einen Punkt ab, dann begann das kleine Huh-Wunder. Island überstand die Vorrunde, setzte sich im Achtelfinale gegen England mit 2:1 durch und verlor erst im Viertelfinale gegen Frankreich (2:5).



Auch deshalb wollte sich Elfmeter-Held Hannes Thór Halldórsson, der mit einem parierten Strafstoß von Superstar Messi den Punktgewinn erst ermöglichte, das Ergebnis nicht schlechtreden lassen. „Es ist ein großartiges Unentschieden für uns. Wir haben bei der letzten EM gemerkt, wie wichtig es ist, in das Turnier zu kommen“, sagte der 34 Jahre alte Torhüter, der im normalen Leben Filmemacher ist. Auch Islands Geschichte als Favoritenschreck gegen Cristiano Ronaldo, England und nun gegen Messi ist mehr als filmreif.

Wie 2016 ist Island noch immer keine spielstarke Mannschaft. Mit Ausnahme von Spielmacher Gylfi Sigurdsson hat kaum einer der Spieler internationales Format. Doch Hallgrimssons Team agiert diszipliniert, verfolgt einen klaren Plan und lässt sich von den großen Namen der Szene nicht aus dem Konzept bringen. Das beste Beispiel ist Schlussmann Halldórsson. Zu Messis Elfmeter sagte er: „Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Ich wusste, dass die Situation kommen könnte. Ich habe mir viele Messi-Elfmeter angeschaut. Ich hatte einfach ein richtig gutes Gefühl.“ Mit diesem Selbstverständnis wird Island ein mehr als ekliger Gegner bleiben.