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Spitzensportreform
„Da ist der Misserfolg vorprogrammiert“

Anzug statt Sportdress: Max Hartung (Mitte) vertritt seit Februar als Vorsitzender der Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes die Interessen der Aktiven gemeinsam mit Silke Kassner (rechts).
Anzug statt Sportdress: Max Hartung (Mitte) vertritt seit Februar als Vorsitzender der Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes die Interessen der Aktiven gemeinsam mit Silke Kassner (rechts). FOTO: dpa / Henning Kaiser
St. Wendel. Säbelfechter Max Hartung vertritt die Spitzenathleten in Deutschland – auch beim Treffen der Sportminister in St. Wendel. Von Tobias Fuchs
Tobias Fuchs

Max Hartung dürfte bei der Sportministerkonferenz (SMK) in St. Wendel vom Gastgeber mit offenen Armen empfangen werden. Saar-Sportminister und SMK-Vorsitzender Klaus Bouillon präsentierte sich vor dem heute Mittag beginnenden Treffen mit seinen Länderkollegen als Fürsprecher der Spitzensportler. Hartung nimmt an der Konferenz als Athletensprecher des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) teil. Das wichtigste Thema: die Spitzensportreform.


Sie werden bei der Sportministerkonferenz als Gastreferent über die Spitzensportreform sprechen. Wie lautet Ihre Botschaft an die Sportminister der Länder?

MAX HARTUNG Die Botschaft ist dieselbe, die wir als Athletenkommission immer vertreten haben: Wir sind für Veränderungen, wir haben der Reform zugestimmt. Aber wir wollen bei der Umsetzung ganz eng mit dabei sein. Deshalb auch die Gründung des Vereins „Athleten Deutschland“. Wir brauchen mehr Power, um die Reform begleiten zu können. Und vor allem wollen wir auch einen Leistungssport, der im Wesentlichen auf Selbstbestimmtheit und Freiwilligkeit beruht.



Die Spitzensportreform ist vor allem ein Projekt des DOSB und des Bundesinnenministeriums (BMI), weniger der Bundesländer. Was erwarten Sie von der Sportministerkonferenz in St. Wendel?

HARTUNG Die Länder sind ganz wichtige Geldgeber. DOSB und BMI koordinieren zwar den Leistungssport, aber die Länder sind einer der größten Finanziers.

In der Öffentlichkeit ist durch Äußerungen des Bundesinnenministers Thomas de Maizière der Eindruck entstanden, die Reform solle vor allem eines bringen: mehr Medaillen für wenig Geld. Wie sehen Sie das als Athletenvertreter?

HARTUNG Das war am Anfang so angekündigt, es wäre aber unrealistisch und nicht vernünftig. Inzwischen sind die Ziele etwas breiter formuliert. Man betreibt Leistungssport nicht nur, um Medaillen zu gewinnen. Das ist kein Selbstzweck. Es hat eine gesamtgesellschaftliche Funktion, dass wir als Sportler auf den Bühnen der Welt präsent sind, uns mit anderen Ländern messen, sie kennenlernen. Das begeistert ganz viele Menschen. Die Struktur und die Organisation des Leistungssports in Deutschland ist sehr lange vor sich hingewachsen. Da macht es Sinn, sich Gedanken zu machen. Und manchmal bringt ein provokantes Zitat ja Bewegung in eine Sache. Es war mutig vom Bundesinnenminister und DOSB-Präsident Alfons Hörmann, ein solches Reformprojekt anzuschieben, bei dem auch viele unpopuläre Entscheidungen notwendig sind.

Das Konzeptpapier zur Reform benennt viele Defizite. Gibt es Punkte, bei denen Sie sagen: Eine Reform ist überfällig?

HARTUNG Die Sportlandschaft in Deutschland ist sehr heterogen. Es gibt einzelne Olympiastützpunkte und Bundesstützpunkte, wo es Kooperationen mit Hochschulen gibt, wo die besten Trainer vor Ort sind, wo die Physiotherapie stimmt. Das ist aber häufig ein bisschen zufällig. Man hat nachgeschoben, dass Athleten und Trainer im Mittelpunkt der Reform stehen sollen. Der Trainerberuf ist wie der des Athleten in Deutschland nicht ausreichend verankert und in der Gesellschaft anerkannt. Wir Athleten haben da eine Lücke identifiziert.

Wie sieht diese Lücke aus?

HARTUNG Bei Sportlern, die nicht bei Zoll, Polizei und Bundeswehr angestellt sind, reicht die Förderung nicht aus. Es gibt eine Gruppe von Leistungssportlern, die nicht so abgesichert ist, dass sie sich ohne Ängste voll auf ihren Sport konzentrieren kann. Der Sport ist so professionell geworden, dass man nicht noch nebenbei jobben gehen kann, wenn man bei Olympia, Paralympics oder World Games mitmachen will. Es muss eine Weiterentwicklung der Athletenförderung geben. Das Gegenargument war häufig: Da kommen wir zum Staatssport. Aber das Argument ist nicht besonders stark. Mein Flugticket, mein Trainer, meine Halle – alles ist aus Steuermitteln bezahlt.

Als Sportler: Was sind die größten Kritikpunkte an der Reform?

HARTUNG Die Kritik bezieht sich nicht auf das Ziel, sondern auf die Frage: Wie wird das umgesetzt? Wie ist der Zeitplan, der Ablauf, wenn zum Beispiel durch die Streichung von Stützpunkten Athleten von einem Standort an den anderen sollen. Diese Detailfragen wurden den Verbänden überlassen. Da gibt es dann immer wieder einzelne Sportler, die nicht wissen, wie sie weitermachen sollen. Weil am Ende der Verband immer den längeren Hebel hat. Wir haben die Sorge, dass wir Sportler verlieren, weil nicht mit Fingerspitzengefühl und Respekt mit allen umgegangen wird.

Gibt es im Konzept etwas, bei dem Sie sagen: Das fehlt komplett?

HARTUNG Bei der Ausarbeitung des Konzepts war das die Athletenförderung. Wie der Status der Athleten ist, Beruf und Finanzierung, die soziale Absicherung, die Rentenabsicherung. Was bedeutet es, wenn ich mich als Athlet auf dieses Risiko Leistungssport einlasse? Diese Frage muss ich nach der Reform einem zwölfjährigen Talent beantworten können.

Wie zufrieden sind Sie mit der Beteiligung der Athleten am laufenden Reformprozess?

HARTUNG International gibt es wohl nirgendwo so eine Einbindung der Athleten wie bei uns. Wir hatten die Möglichkeit, als Athletenkommission bei der Reform mitzusprechen. Trotzdem war es nicht möglich, Einfluss auf den Prozess zu nehmen. Wir waren zwar formal beteiligt, hatten aber nicht die Chance, zwischen den Sitzungen am Ball zu bleiben oder uns mit den Sportlern ausreichend auszutauschen. Da sitzt dann ein entsendeter Athlet, zwischen den Treffen sind DOSB und BMI in Kontakt – und bei der nächsten Sitzung ist alles ganz anders.

Was müsste denn konkret geschehen, um in der Athletenförderung voranzukommen?

HARTUNG Ein großes Ziel ist es, die Athletenförderung auf neue Füße zu stellen, sie abzusichern. Das ist verhältnismäßig einfach, denn dafür braucht man nur Geld. Schwieriger ist es, in der dualen Karriere die Bedingungen zu verbessern – und dazu braucht man die Länder. Das heißt: Flexibilität in den Studiengängen, Ausbildungsplätze, man braucht Betriebe, die Sportler einstellen, sie freistellen. Das ist der ganze Bereich der dualen Karriere, der schwer zu beackern ist. Aber auch die mediale Abdeckung der olympischen, paralympischen und nicht-olympischen Sportarten müsste besser sein.

Wie viele deutsche Sportler bei Olympia können Ihre Miete nicht zahlen – wie der Hürdenläufer Matthias Bühler das gesagt hat?

HARTUNG Diejenigen, die bei Olympia dabei sind, können fast alle ihre Miete zahlen. Denn vor den Spielen ist immer Geld da. Schwierig wird es, wenn sie vorbei sind, wenn man die Medaille nicht geholt hat. Das macht einem Bauchschmerzen. Wenn ich einen Planungszeitraum von drei Monaten habe, ich mich auf mein Training konzentrieren soll, nebenbei aber schon einen Plan B schmieden muss – da ist der Misserfolg auch schon vorprogrammiert.

Wie stehen denn die hiesigen Athleten im Vergleich mit Spitzensportlern anderer Nationen da, mit denen sich Deutschland im Medaillenspiegel misst?

HARTUNG Auf der einen Seite sind wir massiv hintendran, was Trainingsstätten angeht, was die Athletenförderung angeht. Meine Konkurrenten verdienen teilweise das Hundertfache von mir – auf ähnlichem Leistungsniveau. Da kommt man sich komisch vor, wenn man in Korea oder Russland ist – und alle mit ihren Porsches vorfahren. Auf der Habenseite steht die Freiheit, die ich mir nehmen konnte, zu studieren, was ich möchte. Diese Freiheit sehe ich durch die Reform in Gefahr.

Gerhard Böhm, Sport-Abteilungsleiter im BMI, sagt, durch die Reform sollten bei Sportlern ohne Perspektive keine „falschen Hoffnungen“ mehr geweckt werden. Sehen Sie das auch als Problem?

HARTUNG Ich sehe das dann kritisch, wenn Sportler, die nicht in der Weltspitze mitmischen können, sich auf den Sport konzentrieren, ohne sich um ihren Beruf zu kümmern. Da geht es auch um die Frage: Wie viele Sportler müssen unterstützt werden? Die ist gar nicht so leicht zu beantworten. Nur: Bei dieser Frage macht es auch Sinn, die Sportler zu befragen.

Sie repräsentieren nicht nur Spitzensportler, sondern sind selbst einer. Welche Auswirkungen hat der Reformprozess auf Ihren Alltag?

HARTUNG Auf meinen Alltag bisher noch keinen, weil ich in Dormagen an einem Bundesstützpunkt trainiere, der sicher bestehen bleiben wird. Der Reformprozess ist an den Bundesstützpunkten schwierig, die nicht weitergeführt werden oder noch unsicher sind. Da sind schnelle Entscheidungen wichtig. Mit den betroffenen Athleten muss kommuniziert werden: schnell, zeitnah, nachvollziehbar. Warum ist der Standort, an dem in Zukunft trainiert werden soll, besser? Wenn der Sportler versteht, wie Entscheidungen getroffen werden, wenn diese sinnvoll sind, dann ist die Bereitschaft größer, Gas zu geben und mitzuziehen. Trotzdem kann Raum bleiben für individuelle Lösungen.

Das erinnert an die Situation des Bundesstützpunkts der Ruderer in Saarbrücken, der trotz hoher Investitionen vor dem Aus steht.

HARTUNG Vielleicht hätte man verhindern können, dass Mittel am Ruderstützpunkt in Saarbrücken verschwendet werden, wenn man anonymisiert die Athleten nach ihrer Einschätzung gefragt hätte.

Sie haben im Oktober mit anderen Athletenvertretern den Verein „Athleten Deutschland“ gegründet – eine unabhängige Interessenvertretung. Rennen Sie damit offene Türen ein – oder spüren Sie eher Widerstände?

HARTUNG Grundsätzlich ist durch den langen Reformprozess ein Klima entstanden, in dem diese Vereinsgründung total positiv aufgenommen wurde.

Wie will sich Ihr Verein in der Zukunft positionieren?

HARTUNG Wir wollen die Athleten in Deutschland organisieren und dafür sorgen, dass keine Entscheidung ohne die Athleten getroffen werden kann. Das ist vergleichbar mit einer Gewerkschaft. Aber bei den vielen Institutionen im Umfeld ist die Sportlandschaft viel komplizierter strukturiert als das im Arbeitsleben mit seinem Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Verhältnis der Fall ist. Da organisiert sich die Arbeitnehmerschaft in einer Gewerkschaft und droht mit Streik. Ich kann behaupten: Wir streiken bei den nächsten Olympischen Spielen. Aber der Druck und auch der Wunsch der Sportler, an den Wettkämpfen teilzunehmen, auf die sie sich so lange vorbereitet haben, ist so groß, dass man das nicht vergleichen kann mit einer normalen Situation, in der Streik eine Option ist.

In der Satzung von „Athleten Deutschland“ stehen die Themen Anti-Doping und sexualisierte Gewalt im Sport ganz oben. Kommen diese Themen im langwierigen Reformprozess zu kurz?

HARTUNG Das sind die Themen, die unsere Arbeit in der Athletenkommission in den letzten Jahren bestimmt haben, die unsere Sportler betreffen. Diese Themen werden schon bearbeitet, aber wir müssen alles gleichzeitig beackern. Dafür brauchen wir mehr Energie und mehr Arbeitskraft. Ehrenamtlich ist das total unrealistisch. Deshalb soll der Verein „Athleten Deutschland“ mit hauptamtlichen Kräften für die notwendige Unterstützung sorgen.

Die Fragen stellte Tobias Fuchs