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Leichtathletik-EM in Berlin
Hussong krönt den Abend der Frauen

Die beste Speerwerferin Europas: Christin Hussong vom LAZ Zweibrücken deklassierte am Freitagabend die Konkurrenz.
Die beste Speerwerferin Europas: Christin Hussong vom LAZ Zweibrücken deklassierte am Freitagabend die Konkurrenz. FOTO: dpa / Michael Kappeler
Berlin. Speerwerferin des LAZ Zweibrücken wird Europameisterin. Weitere Medaillen für Gierisch, Schäfer und Jungfleisch.

Christin Hussong sank noch auf der Anlaufbahn auf die Knie, schlug die Hände vor das Gesicht und konnte ihren Goldcoup nicht fassen: 24 Stunden nach dem Doppelerfolg von Olympiasieger Thomas Röhler und Andreas Hofmann hat die deutsche Meisterin bei der Heim-EM in Berlin für die nächste Party gesorgt. Mit einem Traumwurf auf die persönliche Bestleistung von 67,90 Meter feierte die 24-Jährige vom LAZ Zweibrücken den größten Erfolg ihrer Karriere und gewann das dritte Gold für die deutschen Leichtathleten in Berlin.


„Ich wusste, wenn ich super drauf bin, kann ich um eine Medaille mitwerfen. Aber dass es Gold wird, kann ich kaum glauben. Gestern hab ich schon Lust bekommen, auch auf dem Treppchen zu stehen. Dass ich es mache wie Thomas, ist umso schöner“, sagte Hussong. Mit dem Meisterschaftsrekord verwies sie Nikola Ogrodnikova (Tschechien/61,85) und Liveta Jasiunaite (Litauen/61,59) auf die Plätze zwei und drei. Hussong ist mit ihrem Wurf nun die drittbeste deutsche Speerwerferin der Geschichte. Es ist ihr großer Durchbruch.

Im Olympiastadion ließ Hussong ihrer Konkurrenz keine Chance. Gleich in ihrem ersten Versuch setzte sie ein Ausrufezeichen, ihr Speer segelte und segelte und landete erst weit hinter der eingezeichneten 65-Meter-Linie. Das Stadion tobte. Es war eine Medaille mit Ansage. Bereits in der Qualifikation hatte Hussong eine Warnung an die Konkurrenz gesendet und mit 67,29 Meter eine Bestweite gesetzt.



Für ein deutsches Novum sorgte Dreispringerin Kristin Gierisch. Nie zuvor hatte es eine Medaille für eine DLV-Springerin bei einer großen Freiluft-Meisterschaft gegeben – bis Gierisch am Freitagabend den Wettkampf ihres Lebens bestritt. „Ich habe den Wettkampf total genossen. Bei dieser Atmosphäre zu springen, ist einfach toll“, sagte die 27 Jahre alte Chemnitzerin unter dem Jubel der fast 50 000 Fans: „Dass heute so etwas rauskommt, ist noch gar nicht angekommen bei mir.“ Mit dem allerersten Sprung des Wettkampfs auf die persönliche Bestleistung von 14,45 Meter hatte Gierisch die Konkurrenz geschockt. Ihre Gegnerinnen bissen sich fast alle die Zähne an der Vorlage der Sächsin, die in den vergangenen zwölf Monaten mit großen Verletzungsproblemen kämpfen musste, aus. Lediglich die griechische Favoritin Paraskevi Papahristou konnte mit 14,60 Metern Gierischs Weite knacken.

Glückselig hüpfte Hochspringerin Marie-Laurence Jungfleisch mit der Deutschland-Fahne über den Schultern auf und ab. Die deutsche Meisterin vom VfB Stuttgart eroberte mit 1,96 Metern Bronze. Für die 27 Jahre alte Sportsoldatin war es die erste Medaille bei einem internationalen Titelkampf. Bei den Europameisterschaften 2014 und 2016 war sie jeweils Fünfte geworden. Weltmeisterin Maria Lasitskene aus Russland holte am Freitagabend als neutrale Athletin auch bei der EM den Titel mit 2,00 Metern vor der höhengleichen Bulgarin Mirela Demirewa. „Ich bin unheimlich glücklich, endlich mal eine Medaille zu gewinnen, vor allem in Berlin, das ist ein Traum“, sagte Jungfleisch. „Ich habe immer wieder zu meiner Familie hochgeguckt und zu meinen Freunden, das hat mir sehr viel Halt gegeben.“

Mit Bronze dekorierte sich auch Siebenkämpferin Carolin Schäfer. Kurz nach ihrem Jubellauf mit Tränen in den Augen über die abschließenden 800 Meter dachte Schäfer aber an das Schicksal ihrer Teamkolleginnen. Überschattet vom Autounfall und jähen Aus von Louisa Grauvogel und Mareike Arndt (siehe Text unten) sicherte sich die Vize-Weltmeisterin die Bronzemedaille. „Es ist natürlich schlimm“, sagte die 26 Jahre alte Schäfer. „An die Mädels ganz liebe Genesungswünsche, das ist einfach scheiße. Den Sieg teile ich mit euch, ich feier euch mit.“ Die Frankfurterin kam insgesamt auf 6602 Punkte. „Danke Berlin, es war atemberaubend“, rief Schäfer dem Publikum zu. Den EM-Titel holte Olympiasiegerin Nafissatou Thiam aus Belgien mit 6816 Zählern, den zweiten Platz sicherte sich die Britin Katarina Johnson-Thompson mit 6759 Punkten.