| 21:47 Uhr

Fußball-Nationalmannschaft
Schuldig im Sinne der Anklage

Bundestrainer Joachim Löw (links) und DFB-Team-Manager Oliver Bierhoff präsentierten am gestrigen Mittwoch in München ihre Sicht der Dinge, warum die WM-Mission in Russland gründlich misslang.
Bundestrainer Joachim Löw (links) und DFB-Team-Manager Oliver Bierhoff präsentierten am gestrigen Mittwoch in München ihre Sicht der Dinge, warum die WM-Mission in Russland gründlich misslang. FOTO: dpa / Sven Hoppe
München. Fußball-Bundestrainer Joachim Löw zeigt sich bei seiner Analyse des WM-Debakels in Russland selbstkritisch. dpa

Joachim Löw bekannte sich erst mit großer Demut schuldig für das WM-Debakel, aber die Bewährung als Bundestrainer will er mit großer Tatkraft und auf seine Art nutzen. „Wir knicken deswegen nicht ein“, sagte der entzauberte Weltmeister-Trainer am Mittwoch in der mit 108 Minuten längsten Pressekonferenz in der Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Es gehe ihm „gut“, versicherte der 58-Jährige auf die Frage nach seiner Gemütsverfassung. „Oder erwecke ich einen anderen Eindruck?“, sagte Löw irritiert. Nein – er wirkt nicht ausgebrannt und schon gar nicht verunsichert. Löw traut sich zu, das Nationalteam wieder titelfähig zu machen: „Ich freue mich, wenn es endlich wieder losgeht.“


In der Münchner Allianz Arena, wo Löw am Donnerstag kommender Woche beim Neustart des tief gestürzten DFB-Teams gegen Weltmeister Frankreich gleich „ein klares Zeichen“ setzen will, klang in der WM-Analyse des Cheftrainers sehr viel Selbstkritik an, aber auch eine deutliche Botschaft: Löw bleibt Löw, eine Verwandlung oder totale Kurskorrektur wird es mit ihm und bei ihm nicht geben. Das verdeutlichte er mit dem Spielerpersonal, mit dem er den Neuanfang in der Nations League gegen die starken Franzosen sowie drei Tage später in Sinsheim den Test gegen Peru angeht (siehe Text unten).

Löw sieht nicht nur sich selbst und Teammanager Oliver Bierhoff („Ich werde wieder mehr einfordern“) in der Pflicht, sondern gerade auch die Mannschaft. „Alle spüren eine „Jetzt erst recht“-Stimmung in sich und wollen das Scheitern ausmerzen.“ Frankreich komme gerade recht. „Für uns ist das ein super, top Auftaktgegner“, sagte Löw, der eine bemerkenswerte Selbstanklage hielt. „Meine allergrößte Fehleinschätzung war, dass wir mit Ballbesitzfußball durch die WM-Vorrunde kommen. Das war fast schon arrogant. Ich wollte das auf die Spitze treiben und es noch mehr perfektionieren“, gestand er.



Aus seiner WM-Analyse zieht er zwei zentrale Schlüsse für eine positive Zukunft Richtung EM 2020: „Wir müssen unsere Spielweise adaptieren, wieder eine Ausgewogenheit finden im Spiel.“ Allerdings werde eine von ihm trainierte Mannschaft „niemals ausschließlich defensiv spielen“. Er bleibe seinen Visionen treu. Zudem müssten Feuer und Leidenschaft im Nationalteam neu entfacht werden. „Wir haben es in Russland nicht geschafft, dass das Feuer eine riesige Flamme wird“, gestand er. Sein Umgang mit den Spielern und deren Führung werde aber weiterhin im Dialog geschehen. „Das war immer mein Weg.“ Aus dem netten Jogi wird kein Diktator.

Deswegen ist der Bundestrainer auch persönlich schwer enttäuscht von Mesut Özil. Sein Lieblingsschüler reagierte nach seinem krachenden DFB-Rücktritt und Rassismusvorwürfen im Zuge der Erdogan-Affäre nicht auf Löws Versuche der Kontaktaufnahme. Vor und während der WM habe die sportliche Leitung das Thema „absolut unterschätzt“, räumte Löw ein. Bierhoff gab zu: „Dass der Rücktritt so vollzogen wurde, schmerzt uns alle.“ Grüppchenbildung und unüberbrückbare Differenzen in der Mannschaft wiesen Löw und Bierhoff ausdrücklich zurück. Der Teammanager sprach in seiner Analyse dafür von einem „selbstgefälligen Auftreten“ gegenüber den Fans.

Bei der Pressekonferenz fehlte auf der Sponsorenwand der von DFB-Präsident Reinhard Grindel gebrandmarkte Kunstbegriff „Die Mannschaft“. Bierhoff kündigte öffentliche Trainings der Nationalelf in Berlin vor den Oktober-Länderspielen sowie im November in Leipzig vor dem Test gegen Russland an. Das Ziel sei, neue „Nähe“ zum Fan zu schaffen. Er will wichtige Impulse setzen, „damit wir bei der EM 2020 vielleicht wieder zu den Favoriten zählen“. Löw weiß ganz genau, dass er schon in der neuen Nations League, „die wir sehr ernst nehmen“, unbedingt Ergebnisse liefern muss. „Wir stehen alle unter besonderer Beobachtung und einem großen Druck.“