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Bundesliga entdeckt die Offensive

Bundesliga entdeckt die Offensive

Saarbrücken. Frank Wormuth ist seit 2008 Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung an der Hennes-Weisweiler-Akademie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und seit 2010 Trainer der U20-Nationalmannschaft. Bei einer EM und WM gehört der 53-Jährige dem Beobachterstab der Nationalmannschaft an. Im Gespräch mit SZ-Mitarbeiter Frank Hellmann äußerte er sich über die Trends der Bundesliga-Hinrunde und die Erwartungen für die WM nächsten Sommer.

Herr Wormuth, in der Hinrunde sind in 144 Spielen bereits 467 Tore gefallen, das ist ein Schnitt von fast 3,3 Toren pro Spiel. Sehen Sie einen Trend in der Liga zur Kopie des Vorbilds Borussia Dortmund, dass sich forscher Vorwärtsfußball auszahlt?

Frank Wormuth: Unabhängig von der Borussia hat sich insbesondere in dieser Saison die Bundesliga wohl darauf verständigt, den Offensivfußball auszurufen. Mag sein, dass die Teams sich von den vollen Stadien inspirieren haben lassen oder die Trainer das Gefühl haben, dass Niederlagen - durch Offensivfußball verursacht - sie auf jeden Fall länger im Amt lassen. Oder ganz einfach ausgedrückt: Es hat sich abgezeichnet, dass die Offensive Schwerpunkt geworden ist.

Gilt also auch für den Abstiegskampf: Angriff ist die beste Verteidigung?

Wormuth: Im Moment sieht es zumindest so aus. Hoch stehende Teams, schnelles Umschaltspiel, Gegenpressing bei Ballverlust sind für die Trainer die Werkzeuge eines guten Spieles.

Welches Lehrbeispiel vermittelt die Ballbesitzschule von Pep Guardiola der Liga?

Wormuth: Pep Guardiola hat sich nicht umsonst den FC Bayern als Partner ausgesucht. Denn schon unter Jupp Heynckes spielten die Herren spanisch. Zudem hat er nun mit Thiago und Philipp Lahm zwei Techniker in der Zentrale, die wohl seinen Vorstellungen vom Ballbesitzfußball zu 100 Prozent entsprechen. Da müssen die anderen Teams bei etwaiger Nachahmung schon klasse Spieler vorweisen, sonst geht das nicht so einfach.

Ist es Zufall, dass bei dieser temporeichen Spielweise die Europa-League-Starter wie Freiburg und Frankfurt, die mit ihrem Kader nur begrenzte Variationsmöglichkeiten haben, in der Liga abgefallen sind?

Wormuth: Also Zufälle gibt es nicht. In Frankfurt kenne ich mich nicht ganz so gut aus, um ein Urteil bilden zu können, aber die Freiburger hatten einen großen Umbruch zu verzeichnen. Sie sind mit einer eingespielten Truppe in die Europa League gekommen und suchen jetzt nach einem halben Jahr immer noch diese Automatismen. Für Freiburg war dieser Aderlass an Spielern Ausschlag für die bisherigen negativen Ergebnisse.

Gibt es vielleicht einen Verein, einen Trainer, der Sie besonders beeindruckt hat?

Wormuth: Oh, da bin ich nicht objektiv, da der eine oder andere Bundesligatrainer erst vor kurzem bei uns den Fußballlehrer gemacht hat. Markus Weinzierl mit dem FC Augsburg liefert nicht nur in dieser Saison eine klasse Leistung ab. Markus Gisdol bietet mit seiner Mannschaft Woche für Woche Handballergebnisse. Und die Nürnberger bekommen den Pokal für die meisten Pfosten- und Lattentreffer. Eigentlich könnte ich zu jedem Verein und Trainer Beeindruckendes finden. Das spricht für unsere Bundesliga und dessen Trainer.

Zur WM in Brasilien wird es heiß sein, die Bedingungen anstrengend. Ist zu befürchten, dass Impulse für die fußballerische Fortentwicklung weniger von der WM ausgehen, sondern eher von jenen Teams aus der Champions League?

Wormuth: Ich durfte im Beobachterteam des DFB seit 2008 alle großen Events analysieren, und es gab immer ein verändertes Verhalten zu sehen. Ohne der Champions League nahe treten zu wollen, aber eine WM zeigt den Weltfußball und dokumentiert somit auch die Geschichte des Fußballs. Und ich bin wirklich gespannt, ob der europäische Highspeedfußball nicht auch in Brasilien stattfindet. Vielleicht punktueller eingesetzt und nicht über 90 Minuten, aber er wird da sein.

Also ist das Niveau in der Champions League mittlerweile nicht höher als bei einer WM?

Wormuth: Ich habe schon Champions-League-Spiele gesehen, die waren so langweilig, dass ich sehnsüchtig auf die nicht vorhandene Werbepause gewartet habe. Bei den WM-Spielen habe ich immer das Gefühl, dass jedes Spiel ein Endspiel ist. Ausnahmen bestätigen die Regel. Bei einer WM spielen die Besten der Besten, und von daher ist das Niveau allein schon rein faktisch höher.