Becker fordert einen Altstar heraus

Becker fordert einen Altstar heraus

Benjamin Becker hat sein Auftaktspiel bei den Australian Open in Melbourne gestern gewonnen und steht als einer von nur sechs deutschen Tennisprofis in der zweiten Runde des Grand-Slam-Turniers.

Erst schrie er seine Freude heraus, dann hob er triumphierend die Arme und ließ sich von den Zuschauern auf Court 3 feiern. Nach zwei zumindest von den Ergebnissen her enttäuschenden Turnier-Auftritten zu Beginn des Jahres in Doha und Sydney mit dem Aus jeweils in der ersten Runde hat Tennisprofi Benjamin Becker gestern einen perfekten Start in die Australian Open gefeiert. Der 33-jährige Orscholzer besiegte den an Nummer 25 gesetzten Franzosen Julien Benneteau mit 7:5, 5:7, 6:2, 6:4.

Beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres hatte Becker seit seinem Einstieg ins Profigeschäft 2006 schon drei Mal die zweite Runde erreicht - zuletzt vor zwei Jahren, als er an dem argentinischen Top-Ten-Spieler Juan Martin del Potro scheiterte. Auch morgen erwartet ihn in der zweiten Runde ein echter Höhepunkt: Lokalmatador Lleyton Hewitt, wie Becker 33 Jahre alt, ist in Australien ein Volksheld. Die frühere Nummer eins der Welt bestreitet bereits seine 19. Australian Open - damit ist er alleiniger Rekordhalter des Turniers vor dem Franzosen Fabrice Santoro, der 18 Mal im Melbourne Park aufschlug. Gestern setzte sich Hewitt gegen den Chinesen Zhang Ze mit 6:3, 1:6, 6:0, 6:4 durch.

Wie man gegen Legenden gewinnt, weiß Becker seit seinem überraschenden Erfolg 2006 bei den US Open gegen Andre Agassi , der mit dieser Niederlage seine Karriere beendete - eine ähnlich emotionale Situation steht Becker auch morgen bevor, zumal auch Hewitt immer wieder mit dem Thema Rücktritt konfrontiert wird. Äußern wollte er sich gestern dazu nicht. "Die Fragen sind doch immer die gleichen", sagte Hewitt, der es einmal, im Jahr 2005, in Melbourne bis ins Finale geschafft hatte. "Der erste Grand Slam ist immer hart, weil du noch keinen Rhythmus hast. Und für mich ist er besonders hart, weil es mein Heimturnier ist und die Erwartungen der Fans und auch meine eigenen natürlich hoch sind", sagte Hewitt: "Aber ich würde schon gerne in der zweiten Turnierwoche noch dabei sein."

Das möchte auch Becker unbedingt, der seit seinem Drittrundensieg gegen Agassi 2006 in Flushing Meadows nicht mehr die dritte Runde eines Grand-Slam-Turniers erreicht hat. "Die dritte Runde ist mein großes Ziel - auch in Australien", sagte Becker, der Anfang der Woche auf Rang 41 der Weltrangliste notiert war und nach Melbourne auf jeden Fall wieder einen Sprung nach oben machen wird. Wie groß der sein wird, hängt auch von dem Spiel morgen ab. Ende 2014 war Becker nach einem sensationellen zweiten Halbjahr bis auf seinen Karriere-Bestwert Rang 35 geklettert. Hewitt ist morgen der Schlüssel zu mehr. Andrea Petkovic kämpfte auf dem Platz mit den Tränen. Die frustrierte Bundestrainerin Barbara Rittner sprach von einem "Riesen-Rückschritt". Nach einer völlig unerwarteten Pleitenserie zum Auftakt der neuen Tennis-Saison hat die Fed-Cup-Teamchefin gestern in Melbourne von ihrem vermeintlichen Top-Trio eine schonungslos-selbstkritische Analyse des kollektiven Erstrunden-Scheiterns bei den Australian Open gefordert.

Einen Tag nach den Niederlagen der Weltranglisten-Neunten Angelique Kerber und der früheren Wimbledon-Finalistin Sabine Lisicki verabschiedete sich auch Petkovic als Nummer 13 der Welt frühzeitig vom ersten Grand Slam des Jahres 2015. Für die einzig erfreulichen Ergebnisse aus deutscher Sicht sorgten am zweiten Tag Benjamin Becker , Matthias Bachinger und Fed-Cup-Spielerin Mona Barthel mit ihren Erstrunden-Siegen.

"Gestern war schon ernüchternd, das habe ich noch gar nicht so richtig verarbeitet, und dann auch das noch", sagte Rittner nach dem 7:5, 6:7 (4:7), 3:6 von Petkovic gegen Madison Brengle aus den USA. Eine 5:3-Führung im zweiten Satz gab Petkovic noch aus der Hand. Danach entglitt ihr völlig die Kontrolle über das Spiel. "Mir hat in den entscheidenden Momenten das Selbstbewusstsein gefehlt", analysierte sie.

Erstmals seit den Australian Open 2007 erreichte somit keine Spielerin des Trios Kerber, Petkovic, Lisicki bei einem Grand Slam die zweite Runde. Einen derartigen Tiefpunkt hat das deutsche Damen-Tennis seit Jahren nicht erlebt.