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Bald ein Tour-Sieger aus Afrika?

Bald ein Tour-Sieger aus Afrika?

Christopher Froome geht als Favorit auf den Gesamtsieg bei der 102. Tour de France in die Pyrenäen-Etappen. Titelverteidiger Vincenzo Nibali ist dagegen bislang der große Verlierer. Die Topfahrer im SZ-Formcheck.

Wenn Daniel Teklehaimanot im Gepunkteten Trikot die Berge hochklettert, sind in Eritrea die Kinosäle überfüllt. Die Tour de France steht auf dem Programm, und das Rennen hat die Menschen in dem kleinen ostafrikanischen Land längst in Ekstase versetzt. Schließlich erobern die ersten Schwarzafrikaner die Tour.

Und wie! Teklehaimanot fährt seit vergangener Woche im Bergtrikot, was zu Autokorsos auf den Straßen in der Hauptstadt Asmara geführt hat. Landsmann Merhawi Kudus ist mit 21 Jahren der jüngste Fahrer im Peloton. Begleitet werden sie von einer Fangemeinde aus Eritrea, die im Zielbereich für Stimmung sorgt.

Exoten im Tour-Peloton sind sie, die zwei Männer vom Team MTN-Qhubeka. Allerdings Exoten mit großem Potenzial. Der fünfmalige Toursieger Bernard Hinault glaubt schon in naher Zukunft an den ersten Toursieger aus Afrika und steht mit seiner Meinung nicht alleine da. Für Spitzenreiter Christopher Froome sind Athleten aus Ostafrika "die besten Ausdauersportler der Welt". Es werde nicht mehr lange dauern, bis die Ergebnisse kommen.

Froome, der "weiße Kenianer", muss es wissen, schließlich ist er in dem Gebiet aufgewachsen. In der Leichtathletik dominieren die Afrikaner längst auf den Langstrecken. Im Radsport ist die Entwicklung schwieriger. Es fehlt an Rennrädern, an der Ausrüstung, an den Straßen.

Damit sich der Zustand ändert, hat sich das Team MTN-Qhubeka formiert. Die südafrikanische Mannschaft ist erstmals bei der Tour vertreten und will gleichzeitig eine Mission erfüllen. Hinter Qhubeka, was "Fortschritt" heißt, steckt eine Organisation, die arme Menschen in Afrika mit Fahrrädern ausstatten will. Auf diese Weise sind über 200 000 Drahtesel zusammengekommen. Bei der Tour wollen sie 5000 Räder für Kinder sammeln, die in ihrer Heimat mitunter einen Fußmarsch von 20 Kilometern zur Schule zurücklegen müssen.

Für Struktur in der Mannschaft sorgt der deutsche Sportdirektor Jens Zemke. Als Teklehaimanot ins Gepunkte Trikot gefahren war, habe er "feuchte Augen" bekommen. "Für den afrikanischen Kontinent ist das hier ein großer Augenblick", sagt Ex-Profi Zemke.

Eritrea ist dabei so etwas wie der Vorreiter in Sachen Radsport . Im 19. Jahrhundert brachten die italienische Kolonialherren Fahrräder ins Land. Es existiert sogar seit 1946 ein Radrennen, der Primo Giro dell'Eritrea, benannt nach dem Giro d'Italia. "Es gibt viele Radfahrer in Eritrea, die Menschen lieben es. Es ist der Volkssport Nummer eins", berichtet Teklehaimanot.

Es sind nicht die ersten Erfolge von Fahrern des Schwarzen Kontinents. 2007 holte Robert Hunter (Südafrika) den ersten Etappensieg, 2013 trug Daryl Impey (Südafrika) das erste Gelbe Trikot. Beide haben allerdings weiße Hautfarbe, wie auch Froome, der in Kenia geboren wurde und für Großbritannien startet. Doch jetzt kommen die Schwarzafrikaner, und MTN-Teammanager Brian Smith prophezeit: "Es benötigt nur einen, der den Durchbruch schafft. Dann wissen die anderen, dass sie es auch können." Vielleicht ist dieser Wegbereiter Teklehaimanot. Christopher Froome (30, Sky, 1. Platz): Der Brite ist der große Gewinner der anspruchsvollen ersten neun Tour-Tage. Er ließ seine starke Bergform an der Mur de Huy aufblitzen, wo er den Konkurrenten wertvolle Sekunden abnahm. Zudem hinterließ seine Mannschaft nicht zuletzt im Teamzeitfahren am Sonntag einen bärenstarken Eindruck. Er besitzt auch den Vorteil, nur reagieren zu müssen, und ist nicht selbst zu Attacken gezwungen. Derzeit ist er der erste Anwärter auf den Toursieg.

Tejay van Garderen (26, BMC, 2. Platz, 0:12 Minuten Rückstand): Heimlich, still und leise hat sich der zweimalige Tour-Fünfte in den Kreis der Top-Favoriten gefahren. Van Garderen leistete sich keine Fehler und ist durchaus in der Lage, in den Bergen gegen Froome zu bestehen. Das bewies der BMC-Profi bereits im Vorbereitungsrennen Critérium du Dauphiné.

Alberto Contador (32, Tinkoff-Saxo, 5. Platz, 1:03): Der Sieger des Giro d'Italia kann nach wie vor vom Doppelsieg träumen. Der Rückstand auf Froome ist im Rahmen, und (noch) sind die Beine des Pistoleros gut. Die Berge sind sein Terrain, besonders in den Pyrenäen wird es auch an Unterstützung für den Spanier nicht fehlen. Wie gut Contador die Strapazen des Giro und der ersten Tour-Tage wirklich überstanden hat, wird sich bei der ersten Bergankunft heute zeigen.

Nairo Quintana (25, Movistar, 9. Platz, 1:59): Knapp zwei Minuten Rückstand - das klingt viel, ist im Fall Quintana aber eine durchaus gute Nachricht. Die erste Tour-Woche samt Zeitfahren und der Klassiker-Etappe über das Kopfsteinpflaster von Paris-Roubaix waren alles andere als nach dem Geschmack des Bergflohs. Seine großen Stärken kann er erst in den Pyrenäen und den Alpen ausspielen. Quintana ist trotz des Rückstands wohl der schärfste Rivale Froomes.

Vincenzo Nibali (30, Astana, 13. Platz, 2:22): Nibali ist bislang die große Enttäuschung. Der Titelverteidiger wollte sich vor den Bergen einen Vorsprung herausfahren, startet nun aber miteinem über zweiminütigen Rückstand. Bereits mehrfach verlor Nibali den Anschluss an die Konkurrenten. Die Tour droht für Nibali zu einem Debakel zu werden.