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Fußball-Bundesliga
Auf dem Weg in den Abgrund

HSV-Torhüter Christian Mathenia war nicht zu beneiden – er musste sechs Mal hinter sich greifen.
HSV-Torhüter Christian Mathenia war nicht zu beneiden – er musste sechs Mal hinter sich greifen. FOTO: Tobias Hase / dpa
München/Hamburg. Der Hamburger SV zeigt beim 0:6 in München eine desolate Leistung und hat sich offenbar schon aufgegeben.

Dem fassungslosen Gotoku Sakai fehlten fast die Worte, um das Grauen zu beschreiben. Als „unmännlich“ bezeichnete der Kapitän des Hamburger SV schließlich, was sich da in München vor und neben ihm abgespielt hatte, „wir haben alle gepennt“, ergänzte er. Sven Schipplock stellte resigniert fest, dass einige seiner Mitspieler „keine Lust“ gehabt hätten. Kyriakos Papadopoulos wählte die drastische Formulierung: „Wir haben uns in die Hose gekackt“. Willkommen bei einem designierten Absteiger, der sich gerade in Selbstauflösung befindet.


Beinahe 53 Jahre haben Bayern München und der Hamburger SV jetzt gemeinsam in der Bundesliga verbracht, das 106. Aufeinandertreffen dürfte allem Anschein nach das vorerst letzte gewesen sein. Das blieb niemandem verborgen an diesem Samstag. „2. Liga, Hamburg ist dabei“, sangen die Anhänger des bald 28-maligen deutschen Meisters, und es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich das vorzustellen. Nicht nach einem derartigen Offenbarungseid.

Der Hamburger SV war erbärmlich schlecht, wie zuletzt ja immer in München. 0:6 (0:3) hieß es diesmal, und hätten die Münchner nicht „so ab der 30. Minute ein bisschen Larifari gespielt“, wie Mats Hummels zugab, es wäre wohl zweistellig geworden. Zumal der dreifache Torschütze Robert Lewandowski (12., 18., 90., Foulelfmeter) unter anderem den ersten von zwei Strafstößen für die Bayern fulminant über das Tor des bedauernswerten Christian Mathenia schoss.

Die Niederlage hingegen war zu erwarten gewesen. 0:8, 0:5, 0:8, 1:3, 2:9, 0:5 und 0:6 waren die Ergebnisse des HSV in den sieben Jahren zuvor. „Man kann in München verlieren“, sagte Aaron Hunt, aber: „So geht es natürlich nicht.“ Das sah der Trainer ebenso. „Das ist nicht die Art Fußall, wie ich sie mir vorstelle“, sagte der erkennbar zornige Bernd Hollerbach. Wenigstens ein unangenehmer Gegner habe man in München sein wollen, aber das jetzt . . . erschütternd.

Das Ende des Hamburger SV in der Bundesliga ist nah. Das ahnen auch jene unbekannten Anhänger, die das sportliche Niveau der Mannschaft auf das Geschmackloseste unterboten. Vor dem Trainingsgelände neben dem Volksparkstadion stand am Samstagabend mindestens ein Dutzend schwarze Grabkreuze, daneben hing ein Plakat mit der Aufschrift: „Eure Zeit ist abgelaufen! Wir kriegen euch alle.“ Die Nachtwachen am Stadion wurden daraufhin verdreifacht.



Hollerbach versuchte trotz aller Verärgerung tapfer, seine Spieler auch in Schutz zu nehmen. „Es ist schon sehr viel Unruhe hier im Verein, auf die Spieler prasselt viel ein,“ sagte er, und ja, die Spieler „sind auch nur Menschen“. Von Kollege Jupp Heynckes erhielt Hollerbach Rückendeckung, der FC Bayern habe gegen „eine verunsicherte Mannschaft“ gespielt, die mit dem Druck „von innen und außen“ fertig werden müsse: „Da kann man nicht befreit aufspielen.“

Nein, kann man nicht, schimpfte Papadopoulos. „Bei dem Verein passiert jeden Tag etwas Neues – das ist sicherlich auch nicht gut für die Mannschaft. Wir wissen nicht wie es weitergeht“, sagte der Grieche, „wir wissen gar nix.“ Eines glaubt Papadopoulos zu wissen: „Gegen Hertha haben wir unsere letzte Chance, das ist ein Finale für uns.“ Wenn Körpersprache etwas über den Gemütszustand aussagt, dann war in diesem Moment klar: Dieses Finale wird verloren gehen.

Sollte zufällig irgendjemand Papadopoulos fragen, ob es mit dem Trainer Hollerbach weitergehen soll, wird er antworten: „Es ist nicht die Schuld von Bernd Hollerbach.“ Hollerbach selbst glaubt, noch sei nicht alles verloren. Die Situation sei „brutal“, aber: „Ich schaue nach vorne.“ Was ihm Hoffnung macht: „Wir haben jetzt wieder Gegner, die auf Augenhöhe sind.“ Neulich gegen Mainz hat das aber auch nicht gereicht.