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ATSV-Chef plädiert für Notfallschirm für Sportvereine

Kostenpflichtiger Inhalt: Coronakrise belastet Breitensport : Plädoyer für einen Notfallschirm für Vereine

Der Vorsitzende des ATSV Saarbrücken spricht im Interview stellvertretend für den Breitensport über die Auswirkungen der Corona-Krise.

Der ATSV Saarbrücken ist mit fast 1800 Mitgliedern und einem Angebot von 16 Sportarten einer der größten und am breitesten aufgestellten Sportvereine im Saarland. Stephan Schaeidt ist seit 2011 Vorsitzender des ATSV und kennt alle Sorgen und Nöte der Basis. Schaeidt, Jahrgang 1964, der als Dozent für Mathematik an der HTW des Saarlandes arbeitet, war einer der besten deutschen 3000-Meter-Hindernisläufer. Im SZ-Interview spricht er über die Folgen der Corona-Krise für den Breitensport.

Herr Schaeidt, in der Coronakrise stehen – was das Thema Sport angeht – derzeit der Profifußball und die Olympischen Spielen im Mittelpunkt, der Breitensport nicht. Wie hart trifft die Krise Ihren Verein, den ATSV Saarbrücken?

STEPHAN SCHAEIDT Die aktuelle Krise rund um das Coronavirus hat sich schon vor Wochen angedeutet. Der ATSV Saarbrücken, der gleichzeitig Eigentümer der vereinseigenen ATSV-Halle ist, hat beschlossen, den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zu folgen. Daher haben wir bereits am 12. März den Zutritt zur Halle für Personen aus den Risikogebieten untersagt. Am Folgetag haben wir dann den gesamten Sportbetrieb im Verein bis auf Weiteres eingestellt. Im Anschluss haben die Mehrzahl der Sportfachverbände den Wettkampfbetrieb ausgesetzt. Aktuell rechnen wir mit Mindereinnahmen bei der Vermietung unserer Räumlichkeiten an externe Sportgruppen. Auswirkungen auf die Vereinsstruktur lassen sich zur Zeit nicht abschätzen.

Wie sehr blutet Ihnen das Herz, wenn Sie zu den Sportstätten kommen – und dann ist niemand da, der Sport macht?

SCHAEIDT Sportliche Betätigung ist wichtig für Geist und Körper. Insofern blutet mein Herz, dass den Menschen die Sportstätten nicht zur Verfügung stehen. Dies ist auch begründet in der Unvernunft einiger Mitbürger, die die ersten Empfehlungen zur Reduzierung der Corona-Ausbreitung missachtet haben. Wir empfehlen unseren Mitgliedern, dass sie sich durch längere Spaziergänge oder Jogging im Freien sportlich betätigen können – natürlich unter Beachtung der Abstandsregel.

Wie ist die Mitglieder-Struktur im ATSV? Und wie gehen die Mitglieder mit der Lage um?

SCHAEIDT Der ATSV hat fast 1800 Mitglieder, darunter über 1000 Schüler und Jugendliche. Der Verein bietet 16 unterschiedliche Sportarten an. Neben Leichtathletik und Fußball gibt es noch Handball, Turnen, Tischtennis, Basketball, Schwimmen, Cheersport, Karate, Kung Fu, Faustball, Fechten, Prellball, Tanzsport, Triathlon und Volleyball. Nach der ersten Woche der Einschränkung ist die Rück­meldung der Mitglieder sehr verständnisvoll. Die Coronakrise trifft unsere Mitglieder doppelt, da bereits seit April 2019 – mit dem Beginn der Sanierungsmaßnahmen unserer Sportstätten – enorme Einschränkungen im Sportbetrieb ihre Fortsetzung finden.

Vereine haben Sportstätten, Trainer, Mitarbeiter. All das sorgt auch für laufende Kosten. Wie groß sind die monatlichen Belastungen, und wie lange kann der ATSV eine solche Situation überstehen?

SCHAEIDT Wir stehen erst am Anfang der Krise, die politische Lage ist für uns unklar, es fehlen die entsprechenden Ansprechpartner bei den Behörden und im LSVS. Wir beschäftigen zur Unterhaltung unserer Immobilie einige Mitarbeiter, hier sind wir an die Gesetzesgrundlagen gebunden. Der ATSV hat eine soziale Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern und ehrenamtlichen Funktionsträgern, der wir auch in der Vergangenheit nachgekommen sind. Im Bereich Sport lassen sich bilaterale Lösungen finden, die wir gemeinsam erarbeiten müssen. Die monatlichen Kosten für unsere ATSV-Halle belaufen sich auf mehrere tausend Euro. Unsere Rücklagen sind durch die Sanierungsmaßnahmen an und in der Halle größtenteils aufgebraucht.

Befürchten Sie ein Vereinssterben im Saarland?

SCHAEIDT Vereine beklagen seit einigen Jahren einen Rückgang an Mitgliedern. Es sind bereits Vereine von der Bildfläche verschwunden. Es ist nicht absehbar, inwieweit diese Krise die bisherigen Tendenzen beschleunigt – oder aber eine Trendwende bewirkt. Ein dramatischer Mitgliederschwund würde unseren Verein in eine finanzielle Schieflage rücken.

Um Mitglieder zu halten, bieten Vereine online Trainingsangebote an. Ist das beim ATSV denkbar?

SCHAEIDT Viele Menschen gehen doch wegen des gemeinsamen Sporttreibens in die Vereine. Die aktuelle Verfügung der Landesregierung untersagt organisierten Sport in Vereinen. Unsere Mitglieder haben die Möglichkeit sich entsprechende Trainingsempfehlungen von ihren Trainern zu erfragen und individuelle Programme abzurufen.

Haben Sie eine Hoffnung, wann die Vereine den normalen Betrieb wieder aufnehmen können?

SCHAEIDT Persönlich rechne ich damit, dass die aktuelle Lage noch einige Wochen dauern wird. Ich appelliere an die Vernunft unserer Mitglieder, alles Erdenkliche zu tun, damit die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamt wird. Je schneller dies geschieht, desto eher können wir mit der Wiederaufnahme eines geregelten Sportbetriebs rechnen.

Sehen Sie ein Problem auf die Gesellschaft zukommen, wenn niemand mehr Sport treiben darf?

SCHAEIDT Grundsätzlich ja, jedoch ist bisher Individualsport oder in Kleingruppen unter Beachtung der Abstandsregel erlaubt. Kritisch ist die aktuelle Situation für technisch abhängige Disziplinen sowie alle Mannschaftssportarten.

Wie läuft aktuell die Kommunikation mit den Fachverbänden der einzelnen Sportarten und mit dem Landessportverband? Gibt es da in irgendeiner Weise Unterstützung für die Vereine – sei es materiell oder auch nur ideell?

SCHAEIDT Die Kommunikation ist unterschiedlich. Die Mehrzahl der Sportverbände hat den Spielbetrieb beziehungsweise Wettkampfbetrieb bis Ende April oder Mitte Mai ausgesetzt. Bei Angeboten bezüglich Unterstützung für die Vereine ist hingegen Fehlanzeige. Hier schlägt die LSVS-Finanzkrise durch. In Zeiten der Restrukturierung des LSVS werden die Vereine kaum mit finanziellen Unterstützungen rechnen können.

Der Sport hat eine große gesellschaftliche Bedeutung. Muss die Politik – ähnlich wie bei Unternehmen – auch die Breitensportvereine finanziell stützen, damit sie nach der Krise wieder ihre Aufgaben aufnehmen können?

SCHAEIDT Ich rechne damit, dass die Politik auch einen Notfallschirm für Vereine bereitstellen wird. Ohne das aktive ehrenamtliche Vereinsleben entstehen unserer Gesellschaft viel höhere Folge-Kosten. Insofern liegt es im Eigeninteresse der Politik, auch für Vereine eine entsprechende finanzielle Unterstützung anzubieten.

Wie sehr stört es Sie, dass beim Thema Corona vor allem die Sorgen des Profisports im Fokus stehen?

SCHAEIDT Das liegt in erster Linie an dem Wirtschaftsfaktor Profisport. Mich stört hier vor allem der Fokus auf den Profifußball. Die Aussetzung des Spielbetriebs nur bis Anfang April 2020 halte ich für unverantwortlich. Mit der Einführung von Geisterspielen wird sich der Profisport am Ende selbst regulieren.

Ärgert es Sie, dass IOC-Präsident Thomas Bach noch immer an der möglichen Austragung der Olympischen Spiele in Tokio festhält?

SCHAEIDT Als ehemaliger Leistungssportler ist es für mich befremdlich, am Termin festzuhalten. Das Nichthandeln des IOC sorgt für einen hohen psychischen Druck auf die Athleten. Olympia ist auch für die Fachverbände eine Einnahmequelle. Hier ist das Bundesinnenministerium gefordert, die Kriterien der Sportförderung anzupassen.

Was wünschen Sie sich, was der Sport und die Gesellschaft aus der Corona-Krise lernen sollen?

SCHAEIDT Die Coronakrise ist eine Chance für unsere Gesellschaft und unsere Sportvereine im Allgemeinen. In den letzten Jahren habe ich vermehrt eine Kultur von Egoismus und Gleichgültigkeit heranwachsen sehen. Ich habe die Hoffnung und den Wunsch, dass nach dem Überwinden der Corona-Krise sich alle ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden und ein Vereinsleben mit gestärkten Ehrenamtlichen wieder auflebt.