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Copa Libertadores
Der Fußball-Wahnsinn von Buenos Aires

Buenos Aires. Das Rückspiel im Finale der Copa Libertadores zwischen River Plate und den Boca Juniors elektrisiert die Massen. sid

Sie sprangen im Rhythmus und sangen ihre Lieder, zündeten Rauchtöpfe und schwenkten ihre Fahnen in Blau und Gelb. 50 000 Fans der Boca Juniors, dicht gedrängt auf Tribünen und Treppenstufen von La Bombonera, ihrem Stadion, ihrem Heiligtum. Unglaubliche 50 000 Zuschauer stürmten in der Nacht zu Freitag unserer Zeit zum öffentlichen Abschlusstraining vor dem Final-Rückspiel der Copa Libertadores beim Stadtrivalen River Plate an diesem Samstag (21 Uhr/DAZN).Und wären die steilen Ränge des altehrwürdigen Fußball-Tempels in Buenos Aires noch länger, es wären wohl weit mehr Anhänger gekommen. Buenos Aires, nein, ganz Argentinien ist im Fußball-Fieber.


Der Superclásico steht an. Es wird ein ganz besonderer. Boca Juniors gegen River Plate ist ohnehin kein normales Spiel, nicht einmal ein normales Derby. Die Rivalität ist alt und greift tief. Boca, der Club der Arbeiterklasse, gegen River Plate, Los Millonarios, die Millionäre. Den Spitznamen verdiente sich der Club schon in den 1930ern durch kostspielige Transfers. Längst haben beide Vereine ihre Anhängerschaft aber in allen gesellschaftlichen Schichten. Es heißt, 70 Prozent der Argentinier seien Fans der Boca Juniors oder eben von River Plate.

Das bevorstehende Duell ist letztlich vor allem wegen seines Rahmens eine Angelegenheit von nationalem Interesse. Die Copa Libertadores ist das südamerikanische Gegenstück zur Champions League. Einen größeren Rahmen für das berüchtigte und skandalreiche Stadtduell kann es nicht geben. Und niemand versucht, die Bedeutung dieses Spiels herunterzuspielen. „Wir werden unser Leben für den Sieg und dieses Trikot geben“, sagte Boca-Trainer Guillermo Barros Schelotto am Ende des Abschlusstrainings.



River Plate ist aber leicht im Vorteil. Das 2:2 im Hinspiel ist dafür nicht ausschlaggebend. Die Auswärtstorregel gilt nicht. Steht es nach 120 Minuten unentschieden, wird der Sieger per Elfmeterschießen ermittelt. Der Grund ist vielmehr die Kulisse. Im Rückspiel hat River Plate Heimrecht. Auswärtsfans sind nicht zugelassen – weswegen die Boca-Fans ihre Mannschaft im Abschlusstraining so lautstark nach vorne peitschten.

Seit 2013 dürfen in ganz Argentinien keine Gäste-Fans mehr ins Stadion. Der Fußballverband AFA und die Regierung versuchten mit der Maßnahme, der extremen Fangewalt Einhalt zu gebieten. Der Erfolg hält sich in Grenzen.

66 000 Zuschauer werden am Samstagabend im Estadio Monumental erwartet. In seiner Heimstätte, in der Argentiniens Selección 1978 ihren ersten von zwei WM-Titeln eroberte, feierte River Plate jeweils in den Rückspielen alle drei Libertadores-Titel – 1986 und 1996 gegen America Cali aus Kolumbien und 2015 gegen Tigres aus Mexiko. Die Boca Juniors haben aber im laufenden Wettbewerb kein einziges Auswärtsspiel verloren und in den letzten drei direkten Duellen im Monumental-Stadion zwei Siege und ein Remis eingefahren.

Mit einem weiteren Triumph würden die Boca Juniors gar mit dann sieben Libertadores-Titeln zu dem letztmals 1984 siegreichen Rekordgewinner CA Independiente aus dem benachbarten Avellaneda gleichziehen. Der Zuschauer-Weltrekord für ein publikumsoffenes Training (laut der Zeitung „Clarín“) „hat uns mit Energie aufgeladen“, erklärte Trainer Barros Schelotto.

2100 Polizisten werden im Einsatz sein. Dabei geht es vor allem darum, den Andrang von Fans mit gefälschten Eintrittskarten zu stoppen. Die Ticketpreise sind im Weiterverkauf auf dem Schwarzmarkt bis auf 4800 Euro angestiegen. Der illegale Kartenverkauf bedeutet einen Umsatz von rund 300 000 Euro, nach Schätzung der Staatsanwaltschaft, die auf Anzeige von River Plate ermittelt.