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Zu Gast im Land mit der Todesstrafe

Europaspiele : Zu Gast im Land mit der Todesstrafe

Weißrussland und sein autokratischer Herrscher Lukaschenko schmücken sich mit den am Freitag beginnenden Europaspielen.

Die bekannteste Tochter Weißrusslands machte Schönwetter für ein umstrittenes Sportfest. Ex-Biathletin Darja Domratschewa dankte den Deutschen artig für die tolle Unterstützung während ihrer Karriere, um gleich danach die zweiten Europaspiele zu preisen, für die sie als Botschafterin tourt. „Eine energiegeladene Atmosphäre“ erwartet die 32-Jährige von dem an diesem Freitag in ihrer Heimatstadt Minsk beginnenden zehntägigen Spektakel, wie sie bei einer Pressekonferenz in Berlin sagte. Sie schwärmte vom „Geist der Spiele“.

Doch es sind Problem-Spiele – vornehmlich wegen des Standorts. Nach Aserbaidschans Hauptstadt Baku 2015 ist in Weißrussland – oft auch als Belarus bezeichnet – nun wieder eine autokratisch geführte ehemalige Sowjetrepublik Gastgeberin. Das Land steht auf Platz 153 der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen. In wenigen Tagen feiert Alexander Lukaschenko (64) ein Vierteljahrhundert im Präsidentenamt – niemand sonst auf dem Gebiet der früheren UdSSR ist länger an der Macht.

Traditionell nutzt der als „letzter Diktator Europas“ kritisierte Politiker Sportereignisse wie die Eishockey-WM 2014 oder die EM im Eiskunstlauf in diesem Jahr, um mit einer Propaganda-Show zu glänzen. Für das Image des Landes sei das echte PR, eine Investition in die Zukunft, die nicht nur Hunderte Millionen Euro wert sei. „Schon eher Milliarden“, meinte er.

Auf 100 Millionen Euro beziffert der weißrussische Botschafter in Berlin, Denis Sidorenko, die Kosten für das Spektakel mit 15 Sportarten von Klassikern wie Ringen und Boxen bis zu hippen Neulingen wie Drei-gegen-Drei-Basketball. Ursprünglich waren 35 Millionen Euro veranschlagt worden.

Gastgeber Lukaschenko steht international nicht nur wegen seiner harten Hand gegen Andersdenkende in der Kritik, sondern vor allem, weil er als letzter Staatschef in Europa noch die Todesstrafe vollstrecken lässt – per Genickschuss. Allein in diesem Jahr wurden bisher mindestens zwei verurteilte Schwerverbrecher hingerichtet, wie das Menschenrechtszentrum Wjasna in Minsk berichtet. Ein Fall sei erst eine Woche vor Beginn der Spiele bekannt geworden. Anders als bei den Europaspielen im öl- und gasreichen Aserbaidschan ist Weißrussland bitterarm. Wirtschaftlich hängt das Land am Tropf Russlands.

Die deutsche Delegationsleiterin Uschi Schmitz rechtfertigte die
Teilnahme: „Wir sind für den Sport verantwortlich. Ein Boykott hat im Sport noch nie zu etwas geführt.“ Im Angela-Merkel-Duktus erklärte die für den Leistungssport zuständige Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes die Teilnahme für „alternativlos“. Schließlich sei Minsk 2019 für einen Teil des 149-köpfigen deutschen Teams ein Qualifikationswettkampf für Olympia im kommenden Jahr in Tokio, für andere der Saisonhöhepunkt.

Die Tischtennisspieler Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Patrick Franziska (1. FC Saarbrücken) als prominenteste Teammitglieder müssen die Europaspiele indes in ihren engen Terminkalender quetschen. Und der dreimalige Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel rügt, dass „etliche Athleten zu Hause bleiben müssen“, weil die Europaspiele zwar als EM ausgetragen werden, doch mit weniger Bootsklassen als bei kontinentalen Titelkämpfen üblich.

Mehr Nutzen aus den Europaspielen ziehen Sportarten, die selten im Rampenlicht stehen. „Es freut uns, wenn wir ein wenig in den Fokus rücken“, sagte Bogenschützin Lisa Unruh. Die Olympia-Zweite von Rio 2016 wird bei der Eröffnung am Freitag die deutsche Fahne tragen.