Zverev verzweifelt bei US Open an alten Schwächen

Tennis : Zverev verzweifelt an alten Schwächen

Der Hamburger scheitert bei den US Open im Achtelfinale – und wird von Tennis-Ikone Boris Becker im Anschluss hart kritisiert.

Das Urteil von Boris Becker nach Alexander Zverevs Aus bei den US Open war knallhart. „Er hat sich in den letzten 18 Monaten als Spieler nicht verbessert“, kritisierte das Tennis-Idol, nachdem die deutsche Nummer eins in New York im Achtelfinale gescheitert war. „Für mich ist das Spiel ein bisschen zu eindimensional, zu lesbar für den Gegner“, meinte Becker.

Und so konnte sich Diego Schwartzman, dieser kleine, bissige Argentinier, bei Zverevs verdienter 6:3, 2:6, 4:6, 3:6-Niederlage auf dessen Berechenbarkeit verlassen – denn wie so oft in den vergangenen Wochen warf sich der Hamburger quasi selbst aus dem Turnier. Das Warten auf den Grand-Slam-Durchbruch geht weiter. Denn um wirklich zur Riege der ganz Großen zu gehören, muss bei den Grand Slams mehr kommen als ein Achtelfinale.

„Er ist motiviert, ist fleißig, hat ein gutes Umfeld, aber seine Netzangriffe und seine Position auf dem Platz sind wie vor 18 Monaten“, analysierte Becker. Gerät Zverev unter Druck, verkrampft er zudem schnell, weicht weit hinter die Grundlinie zurück, der zweite Aufschlag wird zur Zitterpartie. 17 Doppelfehler servierte er gegen Schwartzman – einmal mehr ein katastrophaler Wert für den Weltranglistensechsten.

Als „das Übliche“, bezeichnete Zverev diesen Umstand deshalb mit dem Humor der Verzweiflung, wesentlich deutlicher wurde Becker. „17 Doppelfehler sprechen Bände“, monierte der dreimalige Wimbledonsieger und meinte vielsagend: „Der zweite Aufschlag ist der Blick in die Seele eines Tennisspielers.“

Demnach sähe Zverevs Innenleben momentan alles andere als gut aus. Fast verängstigt streichelte er gegen Ende der Partie seine zweiten Aufschläge nur noch ins Feld – der Trubel der vergangenen Wochen von der Trennung von Trainer Ivan Lendl bis zum schwelenden Rechtsstreit mit dem Ex-Manager hat offenbar immer noch mentale Baustellen offen gelassen.

„Er muss erwachsen werden vor den Augen der Öffentlichkeit“, forderte Becker: „Er muss sich freischwimmen. Die Frage ist: Reicht sein Vater als Trainer aus?“ Der 22-Jährige will sich keinen externen Trainer suchen, sondern weiter auf die Ratschläge seines Vaters Alexander senior und seines Bruders Mischa bauen. „Mein Team bleibt, wie es ist. Ich bin sehr zufrieden damit“, stellte Zverev kurz und knapp klar: „Es wird sich nichts tun.“

Zverev selbst zog hingegen nach dem Aus ein versöhnliches Fazit. „Ich habe schwere Matches gewonnen, ich habe besser gespielt, mein Tennis hat sich verbessert. Das ist das Positive, das ich mitnehme“, sagte Zverev – und klang dabei ähnlich wie Julia Görges wenige Stunden zuvor. Auch die 30-Jährige wollte sich nicht über ihre vergebene Riesenchance ärgern, als sie gegen die Kroatin Donna Vekic einen Matchball bei eigenem Aufschlag nicht nutzen konnte. „Ich glaube, dass ich auf sehr viele positive Dinge in diesem Match zurückblicken kann“, sagte sie nach dem bitteren 7:6 (7:5), 5:7, 3:6, durch das nun alle deutschen Tennisprofis in New York ausgeschieden sind.

Während Görges erst einmal Abstand suchte („Ich weiß nicht, ob ich mir die US Open jetzt noch anschaue“), fasste Zverev die Titelverteidigung bei den ATP-Finals in London als letztes großes Ziel in diesem Jahr ins Auge. Doch die ist in Gefahr – die besten acht Spieler des Jahresrankings qualifizieren sich für das Abschlussturnier in London, Zverev ist derzeit Neunter. „Natürlich möchte ich die Chance bekommen, meinen Titel dort zu verteidigen“, sagte der 22-Jährige. Auch um es seinen Kritikern zu beweisen. Im Vorjahr hatte dies ja auch geklappt.

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