Rusada-Chef Ganus sieht die Schuld allein in Russland

Dopingskandal in Russland : „Die Schuld liegt allein hier in Russland“

Der Chef der russischen Anti-Doping-Behörde spricht über die Manipulationen in seinem Land und was er dagegen tun will.

Zur Säuberung des russischen Sports von Staatsdoping hat Juri Ganus 2017 seinen Posten angetreten – weil er kein gestandener Sportfunktionär war und damit als unabhängig galt von dem System in Russland. Als Chef der russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada) hat der 55-Jährige einiges erreicht. Doch die Welt-Anti-Doping-Behörde (Wada) droht Russland mit neuen Sanktionen. Über eine mögliche Sperre russischer Athleten entscheidet die Wada-Exekutive am kommenden Montag in Lausanne. Im SZ-Interview sagt Rusada-Chef Ganus bemerkenswert offen, was er von Strafen hält und was Russland tun muss, um eine saubere Sportnation zu werden.

Herr Ganus, was erwarten Sie von der Sitzung am Montag? Fahren Sie selbst hin?

JURI GANUS Ich kann in Paris nichts tun. Egal, was kommt, wir müssen weiter unsere Arbeit machen. Die Strafen sind wohl unausweichlich. Ich erwarte keine Wunder. Ich hoffe aber, dass im Fall eines neuen Banns gegen Russland nicht die Sportler leiden müssen. Sie sind die Geiseln von Fehlern, die Sportfunktionäre in diesem Land verschuldet haben. Sie sollten wie bisher schon unter neutraler Flagge antreten dürfen, damit sie nicht für die Fehler anderer bezahlen.

Aber wegen der Manipulation von Dopingdaten aus dem Moskauer Analyselabor droht der Rusada, Ihrer Agentur, eine neue Sperre.

GANUS Ich habe stets klar gesagt, dass die Daten manipuliert wurden, dass es offensichtliche Verstöße gab. Das ist ein großer Fehler. Aber die Rusada hat nichts gefälscht. Die Fälle, um die es geht, stammen aus den Jahren vor meiner Zeit. Wir hatten nicht einmal Zugang zu den im Labor gelagerten Daten. Bei der Rusada haben wir inzwischen viel geleistet, das Personal erneuert – und können steigende Zahlen echter Testergebnisse vorweisen. Wir werden auch nicht mehr vom Sport-, sondern nun vom Finanzministerium getragen.

Wie ist die Laborarbeit heute organisiert?

GANUS Wir nutzen hier in Russland für die Doping-Tests wegen der Vorfälle gar keine Labors mehr. Wir schicken die Proben nur noch zu anerkannten Einrichtungen im Ausland, wir arbeiten mit 13 Labors weltweit. Das treibt zwar unsere Kosten in die Höhe, aber für unabhängige Test-Ergebnisse, denen Vertrauen geschenkt wird, ist das unerlässlich.

Die Reaktionen auf die drohenden Strafen in Russland reichen von Verständnis – wie bei Ihnen – bis Protest. Der Staatsapparat wittert ein Komplott. Steht Russland zu Unrecht am Pranger?

GANUS Nein. Es gibt keine politische Hexenjagd gegen Russland. Es hat ganz offensichtlich dreiste Fälschungen von Daten gegeben. Die Schuld liegt allein hier in Russland. Die Doping-Proben von den Sportlern sind eigentlich anonym. Und da hat es einen illegalen Austausch von Daten gegeben zwischen denen, die wussten, welche Proben welchen Sportlern zuzuordnen sind. Und dann sind diese Testergebnisse einfach gefälscht worden. Das hatte System. Es gab ja auch keine Strafen hier oder Urteile gegen jene, die die Verbrechen begangen haben. Und das muss sich ändern.

Sie wollen den Ruf des russischen Sports retten. Was ist zu tun, damit Russland wieder Vertrauen gewinnt? Reicht es, wie jetzt geschehen, die Führung des Leichtathletik-Verbandes auszuwechseln?

GANUS Die Kultur, die Weltanschauung muss sich ändern. Wir brauchen tiefgreifende Reformen. Ob der Leichtathletik-Verband dazu fähig ist, werden wir sehen, wenn dort Mitte des Monats eine neue Führung gewählt wird und die Strukturen reformiert werden sollen. Insgesamt ist es so, dass einiges faul ist – und an vielen Stellen bei uns Sportfunktionäre ausgewechselt werden müssen. Sie müssen ordentlich ihre Arbeit machen nach internationalen Regeln, für die wir als Rusada stehen. Das dauert wohl noch eine Generation.

Sie üben immer wieder sehr scharfe Kritik an den Zuständen in Russland. Die Anfeindungen gegen Sie sind unübersehbar. Wie viel Opposition verträgt das System?

GANUS Drohungen, zum Beispiel anonym am Telefon, gibt es. Auch offene Angriffe von Funktionären, ich sei kein Patriot. Ich bin aber kein Oppositioneller, will nicht alle gegen mich aufbringen, sondern versuche, das System zu ändern. Es gibt auch Unterstützung in den Behörden – nur leider von Leuten, die nichts entscheiden können. Es ist so, dass viele im Machtapparat dem Land schaden. Wenn ich ein Feind Russlands wäre, würde ich genauso handeln wie diese Leute, die mit Betrug den Ruf der stolzen Sportnation in den Schmutz ziehen.

Haben Sie die Unterstützung von Präsident Wladimir Putin?

GANUS Ich habe selbst versucht, beim Kreml vorzusprechen, um zu erklären, wie schlimm die Lage ist. Ich bin aber nicht vorgelassen worden. Ich habe auch immer gedacht, dass der Präsident doch für alles zuständig ist. In Wirklichkeit haben aber viele Leute Angst davor, dass er die wahren Zustände erkennt – und sie womöglich ihre Posten verlieren. Mir bleibt bislang nichts anderes übrig, als an die Öffentlichkeit zu gehen, die Medien zu nutzen für meine Erklärungen, weil ich mir anders im Machtapparat kaum Gehör verschaffen kann.

Wie gehen Sie mit dem Druck, den Sie bekommen, um? Haben Sie keine Angst, dass Ihnen – wie in Russland nicht selten bei Systemkritikern der Fall – etwas zustößt?

GANUS Ich bin angetreten, um etwas zu verändern in diesem Land – für sauberen Leistungssport. Und ich bin sehr überzeugt davon, dass ich das Richtige tue. Wir bekommen auch sehr viel Unterstützung von unseren Partnern, den anderen Doping-Agenturen im Ausland. Ich hatte nicht die Erwartung, dass es einfach ist. Ich bin aber auch in einem Alter, in dem ich mich natürlich frage, ob es nicht etwas Großes gibt, das ich selbst für Russland tun kann. Ich handle im nationalen Interesse des Landes.

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