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Keine Turniere, keine Prämien, kein Handel – aber Training

Pferdesport in der Corona-Krise : Keine Turniere, keine Prämien, kein Handel – aber Training

Den Pferdesport trifft die Corona-Krise besonders hart. Die Einnahmen fallen beinahe komplett weg, die hohen Fixkosten für die Turnierställe bleiben.

Isabell Werth demonstriert in der Corona-Krise Gelassenheit. Eigentlich würden sie und ihr Team „jetzt beginnen, unsere Koffer zu packen, um zum Weltcup-Finale nach Las Vegas zu fliegen“. Doch die erfolgreichste Reiterin der Welt wird Mitte April nicht wie geplant versuchen, zum vierten Mal in Folge den Titel zu gewinnen. Die sechsmalige Dressur-Olympiasiegerin bleibt stattdessen zu Hause und denkt über Corona und die Folgen nach. „Es trifft uns alle“, sagt Werth, „aber einige schwerer.“

Die Topstars des Pferdesports sind wie Werth Profis und verdienen mit Reiten ihren Lebensunterhalt. Das ist durch die Absage der Veranstaltungen während der Corona-Krise nicht möglich. „Alle Turnierställe sind davon abhängig, dass Turniere stattfinden“, sagt Werth: „Es gibt keine Preisgelder. Und es werden von den Handelsställen keine Pferde verkauft.“ Pferdeverkauf ist zwar nicht für die 50-Jährige, aber vor allem für viele Springreiter die wichtigste Einnahmequelle – und die entfällt nun ersatzlos.

Turnierställe sind oft mittelständische Unternehmen. Einer der größten dieser Ställe hierzulande liegt in Riesenbeck und gehört Ludger Beerbaum. Er basiert auf Sport, Handel, Veranstaltungen/Lehrgang, Deckstation und Futterverkauf. Die ersten drei Bereiche seien „auf null“ gesunken, sagt der Springreiter. Zucht und Futter laufen noch, können aber die anderen Bereiche nicht quersubventionieren.

Der 56-jährige Beerbaum ist nicht nur Reiter, sondern vor allem Unternehmer mit 44 Mitarbeitern. Alle leben nach seinen Angaben auf dem Hof, fahren auch nicht am Wochenende oder zu Ostern weg. 68 Pferde werden versorgt. Rechnungen für Tierarzt und Schmied zählen zu den laufenden Kosten. „Drei, vier Monate können wir das aushalten, ohne gleich in die Insolvenz zu gehen“, sagt Beerbaum zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Bei einem halben Jahr würde es anders aussehen. Dann müsse er über Sparmaßnahmen nachdenken.

Wie für Werth hat die Krise auch für Beerbaum einen angenehmen Nebeneffekt. „Ich habe jetzt mehr Zeit“, sagt der Springreiter. Er ist nicht jedes Wochenende auf einem Turnier irgendwo auf der Welt – etwa in Miami Beach, wo von Freitag bis Sonntag eine Etappe der Millionen-Serie Global Champions Tour ausgetragen werden sollte. Beerbaum ist jetzt wie die anderen Top-Reiter mehr bei der Familie: „Das ist ein schöner Vorteil.“

Pferdesportler haben in der Corona-Zwangspause noch einen anderen Vorteil, findet Vielseitigkeits-Bundestrainer Hans Melzer (68). „Unsere Reiter sind, zumindest was das Training angeht, gegenüber anderen Sportlern privilegiert“, erklärt er: „Sie können auf ihren Anlagen Dressur und Springen trainieren. Die meisten haben auch die Möglichkeit zum Gelände-Training, haben kleine Strecken zu Hause oder in der Nähe.“

Ähnlich sieht es Werth. Sie könne in Ruhe zu Hause reiten: „Für die Ausbildung der Pferde ist das kein Nachteil, sondern eher ein Vorteil.“ Im Grunde sei sie gar nicht böse, „wenn ich mal sechs bis acht Wochen zu Hause bleiben und mich intensiv um meine jungen Pferde kümmern kann“. Sie weiß aber auch: „Für alle, die mit Pferden zu tun haben, werden es teure sechs bis acht Wochen.“ Oder noch viel mehr.