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Ovtcharov und Franziska starten beim World Cup in China

Tischtennis : In Quarantäne mit einem Roboter

In China erleben die Nationalspieler Patrick Franziska und Dimitrij Ovtcharov die Rückkehr des Tischtennis-Sports auf die Bildfläche.

Ein Trainingspartner stand Dimitrij Ovtcharov selbst während seiner strengen Quarantäne in China zur Verfügung. Die Veranstalter des World Cups in Weihai stellten den Spielern einen Tischtennis-Tisch mit einem Ballroboter in die Hotelzimmer. Aber sonst? Das Essen wurde drei Mal am Tag vor die Tür gestellt. Die Hotelangestellten laufen in Ganzkörperanzügen herum. Und wäre ein Spieler jemals auf die Idee gekommen, sein Zimmer während der ersten Quarantäne-Tage zu verlassen, wäre er auf dem Hotelflur sofort von den Überwachungskameras gefilmt und vom Turnier ausgeschlossen worden.

„Die Bedingungen sind alles andere als ein Zuckerschlecken“, sagt Ovtcharov: „Wir werden jeden zweiten Tag getestet, teilweise schon um sieben Uhr morgens. Es fühlt sich manchmal mehr wie Überlebenskampf als Leistungssport an. Es gibt so viele Vorschriften – das ist schon fast ein kleines Handbuch. Und abends um zehn kommen wieder neue für den nächsten Tag.“ Aber so sehen die Regeln nun einmal aus, unter denen sich er und sein Nationalmannschafts-Kollege Patrick Franziska vom 1. FC Saarbrücken auf ihren ersten internationalen Wettbewerb nach einer achtmonatigen Corona-Pause vorbereitet haben. Nach ihrer Ankunft in China ging es erst in Shanghai und dann am Spielort Weihai in eine Quarantäne, von diesem Freitag an bis Sonntag wird dort in einer streng abgeschotteten Turnierblase der World Cup der Männer ausgetragen. Wenigstens in dieser Woche durften die beiden und ihr Bundestrainer Jörg Roßkopf als Kleingruppe in der Halle trainieren.

„Erst einmal freuen wir uns, wieder zu spielen“, sagt Ovtcharov. „Außerdem zeigen wir unseren Partnern, dass es den Sport noch gibt. Sonst denken die irgendwann: Spielt der Ovtcharov eigentlich noch?“

Für seinen Neustart in China hat sich der Weltverband ITTF nicht irgendein Turnier ausgesucht, sondern den World Cup. Der ist von der Grundidee her mit dem Confed Cup im Fußball zu vergleichen, nur dass er im Tischtennis beinahe so wichtig ist wie eine WM. Ovtcharov gewann den World Cup 2017 und stieg danach zur Nummer eins der Weltrangliste auf. Allerdings gewann er damals im Vorfeld auch schon die China Open. Diesmal kommt er aus einer langen Pause. „Ich habe in diesen Wochen sehr gut trainiert“, sagt der 32-Jährige. „Ich habe aber auch seit März keinen offiziellen Wettkampf mehr gehabt. Ich habe überhaupt kein Feedback, was meinen Leistungsstand betrifft. Das ist eine Konstellation, die es noch nie gab.“

Die lange Pause bedeutet jedoch nicht, dass im Tischtennis in dieser Zeit nichts passiert wäre. Eher im Gegenteil. Topspieler wie Ovtcharov oder Timo Boll protestierten im September bei der ITTF gegen die Ansetzung dieser Turnierblase. Kernpunkt ihrer Kritik war: Wenn wir im November in China spielen sollen, müssen wir in dieser Zeit die Verträge mit unseren Vereinen brechen. Erst als Clubs wie der deutsche Meister 1. FC Saarbrücken das Okay bekamen, ihre Spiele in diesem Monat verlegen zu können, stimmten die Spieler einer Teilnahme am World Cup und den ITTF-Finals nächste Woche zu. Nur Boll reiste wegen den Folgen einer Rückenverletzung nicht nach Weihai.

„Ich verstehe die ITTF“, sagt Ovtcharov: „Sie steht unter Zeitdruck, und sie handelt unter den Bedingen einer Pandemie. Aber ich hoffe, dass die Kommunikation das nächste Mal besser ablaufen wird.“ Ob das auch gelingt? Unter dem Namen „World Table Tennis“ (WTT) ist ab 2021 eine neue Turnierserie geplant, „die Tischtennis mehr in die Richtung von Tennis und Golf entwickeln soll“, wie Ovtcharov erklärt. Dazu gehören unter anderem vier „Grand Smash“-Wettbewerbe, die dem Vorbild der vier Tennis-Grand-Slams folgen und den Spielern deutlich mehr Preisgeld versprechen, als es bislang auf der „World Tour“ gab.

Der Haken ist aber auch hier: Sollte die neue Serie ins Rollen kommen, wird sie irgendwann zu Lasten der Club-Wettbewerbe gehen, mit denen die Spieler bislang einen Großteil ihres Geldes verdienen. „Die Vereine und Ligen haben im Tischtennis eine große Tradition“, sagt Ovtcharov. „Außerdem bliebe bei einer Mehrfachbelastung aus WTT, WM, EM, Olympia und Vereinssport kaum mehr Zeit zum Training. Das müssten alle Beteiligten untereinander klären und nicht jeder für sich.“

Ob und wann es so weit kommt, ist aber offen. Die Corona-Krise macht es derzeit schwer absehbar, welche Meisterschaften und Turniere im nächsten Jahr ausgetragen werden können. Allein deshalb sind Ovtcharov und Franziska froh, ab Freitag den World Cup spielen zu können. „Die Rückkehr zu internationalen Turnieren ist sehr wichtig für unseren Sport. Ich hoffe, dass Veranstaltungen mit vernünftigen Konzepten zeigen, dass das möglich ist“, sagt der Saarbrücker Franziska.