Wettstreit um den besten Schuh ist in vollem Gange

Leichtathletik : Der Wettstreit um den besten Schuh

Der Marathon des Kenianers Eliud Kipchoge in 1:59:40 Stunden hat in der internationalen Laufszene heiße Debatten ausgelöst.

Als sich Eliud Kipchoge am Morgen seines historischen Laufs in Wien der Öffentlichkeit zeigte, rieben sich viele Zuschauer verwundert die Augen: Mit diesen klobigen Schuhen will der feingliedrige Mann aus Kenia als erster Mensch den Marathon unter zwei Stunden rennen? Nach seinen 1:59:40 Minuten jubilierte auch sein Ausrüster. Denn das technische Wettrüsten im Sport hat mittlerweile selbst das Laufen erreicht. Auch beim Ironman auf Hawaii errangen Anne Haug und Jan Frodeno in neuartigen Modellen den Sieg.

In diesem Jahr purzelten die Bestzeiten im Marathon so oft wie selten zuvor: Kipchoge lief „unter Laborbedingungen“ die 42,195 Kilometer in weniger als zwei Stunden. Seine kenianische Teamkollegin Brigid Kosgei unterbot den Weltrekord der Frauen um satte 81 Sekunden. Auffällig: Beide liefen in Nike-Schuhen mit integrierten Carbonplatten in der dicken Sohle. Triathlon-Weltmeister Frodeno trug im abschließenden Marathon beim Ironman auf Hawaii zwar Asics-Exemplare – aber einen Prototypen vermutlich ähnlicher Bauweise.

Beim Frankfurt-Marathon am kommenden Sonntag werden wieder viele Läufer mit den grünen oder pinken Nike-Schuhen unterwegs sein. In den wenigen Sport-Geschäften, in denen die sogenannten Vaporflys außerhalb von Nikes eigenen Vertriebswegen verkauft werden, sollen die Schuhe seit Wochen vergriffen sein.

„Mit dem Schuh läuft man einfach schneller. Der Puls ist bei gleichem Tempo niedriger“, erklärt Simon Stützel, viertbester deutscher Marathonläufer des Jahres. Studien dokumentieren deutlich schnellere Zeiten bei gleichem Kraftaufwand. „In der Laufszene wird bei den Marathon-Zeiten immer gefragt: Mit Vaporfly oder ohne?“, sagt Stützel.

Die Spezialschuhe haben eine kontroverse Debatte ausgelöst. Viele Spitzenläufer beklagen, sie könnten die Exemplare aufgrund von Sponsorenverträgen mit anderen Ausrüstern nicht tragen. Ein Wettbewerbsnachteil? „Es ist immerhin die freie Entscheidung des Athleten, sich vertraglich zu binden. Das Risiko des Sportlers, technische Neuerungen zu verpassen, schwingt da mit“, widerspricht Martin Nolte, Leiter des Instituts für Sportrecht an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Brechen Weltklasse-Läufer die Ausrüster-Vereinbarungen, drohen Vertragsstrafen bis zu 20 000 Euro.

Manche tricksen einfach: Der Äthiopier Herpassa Negasa lief mit den Nike-Schuhen Anfang des Jahres den Marathon in Dubai – er übermalte sie im Design seines Sponsors Adidas. Nachdem er seine Bestzeit um beinahe sechs Minuten unterboten hatte, flog der Schwindel auf, und es gab mächtig Ärger. Immerhin sicherte er sich mit dem zweiten Platz ein Preisgeld von 36 000 Euro.

Einige Athleten haben sich nach Angaben des britischen Blattes „The Guardian“ an den Leichtathletik-Weltverband IAAF gewandt, um den Schuh verbieten zu lassen. Das Wetteifern um die Bestzeiten solle nicht in ein Wettrüsten der Ausstatter münden. Die IAAF berät sich in der Sache bereits mit Wissenschaftlern. Die Debatte erinnert auch an jene im Schwimmen: Die High-Tech-Ganzkörperanzüge wurden 2010 verboten.

Einige Ausrüster haben reagiert. Sie versuchen, eigene Prototypen auf dem Markt durchzusetzen – wie Asics mit dem Modell von Frodeno. Die französische Laufschuhfirma Hoka One One verkauft bereits einen neu entwickelten Schuh mit integrierter Carbonplatte.

Olympiasieger Kipchoge trug bei seinem Lauf in Wien, der auch wegen der grundsätzlich von der IAAF nicht zugelassenen Prototypen als Weltrekord nicht anerkannt wurde, sogar eine Weiterentwicklung des Vaporfly. Im vorderen Teil sind zwei Luftkapseln integriert, die den Läufer bei jedem seiner Schritte nach vorne katapultieren sollen. Carbonplatten in der Sohle sorgen für eine gleichmäßige Belastung des Fußes. „Die Platten geben dem Läufer das Gefühl, dass er die ganze Zeit bergab läuft“, sagt Sebastian Weiß, Lauf-Bundestrainer beim Deutschen Leichtathletik-Verband.

„Die Luftkissen im Zusammenspiel mit den Carbonplatten stellen ein federndes Element dar“, sagt Uwe Kersting, Sportwissenschaftler vom Institut für Biomechanik und Orthopädie an der Sporthochschule Köln: „Man kann damit die Laufökonomie gering verbessern.“ Er bezweifle jedoch, dass die Schuhe dem Läufer einen unfairen Vorteil böten: „Sie sind ein passives Element und kein Hilfsmotor.“

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