Weltweite Kritik nach CAS-Urteil im Fall Caster Semenya

Leichtathletik : Viel Kritik für das Urteil im Fall Semenya

Nach dem Spruch des Internationalen Sportgerichtshofs CAS zur südafrikanischen Weltklasse-Mittelstrecklerin gehen die Wogen hoch.

Wut und Enttäuschung, eine Prise Sarkasmus und heftige Kritik von allen Seiten: Das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs CAS im Fall von 800-Meter-Olympiasiegerin Caster Semenya hat viele Beobachter geschockt und eine Welle der Solidarität mit der Weltklasse-Leichtathletin aus Südafrika ausgelöst. Der südafrikanische Verband prüft einen Einspruch gegen das Urteil – wie viele andere beklagt er eine „Diskriminierung“ Semenyas. Es gab aber auch Zustimmung zur neuen Testosteron-Regel des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF.

„Mich würde wirklich interessieren, was Usain Bolt sagen würde, wenn man ihm Hormone gäbe, damit seine Beine schrumpfen. Nichts anderes verlangt man von Semenya“, sagt Balian Buschbaum, der als Yvonne Buschbaum vor seiner Geschlechtsangleichung mehrfach deutscher Stabhochsprung-Meister war. „Schade, dass Casters Anliegen von jemand be- und verurteilt wurde, der nie in ihren Schuhen gelaufen ist. Schade, dass Gerichte über Verstand und nicht mit Empathie entscheiden“, meint der 38-Jährige.

In einem wegweisenden Urteil hatte der CAS am Mittwoch im Streit um Testosteron-Grenzwerte für Frauen den Einspruch der 800-Meter-Olympiasiegerin von 2012 und 2016 abgelehnt. Damit kann die entsprechende IAAF-Regel, in der Testosteron-Limits für Mittelstreckenläuferinnen mit intersexuellen Anlagen festgesetzt werden, am 8. Mai in Kraft treten.

„Frauen mit intersexuellen Anlagen haben das gleiche Recht zur Würde und Kontrolle über ihren Körper wie andere Frauen“, sagt Liesl Gerntholtz, stellvertretende Generaldirektorin von Human Rights Watch. Es sei „zutiefst enttäuschend zu sehen, wie der CAS Regeln aufrechterhält, die den Standards internationaler Menschenrechte direkt zuwiderlaufen“. Die Bestimmungen der IAAF seien „klischeehaft, stigmatisieren und diskriminieren“ alle Frauen, betont Gerntholtz.

„Furchtbar unfair“ und „prinzipiell falsch“ findet Tennis-Legende Martina Navratilova das Verdikt der drei Sportrichter. Semenya habe „nichts Falsches getan, und es ist schrecklich, dass sie nun Medikamente nehmen muss, damit sie an Wettkämpfen teilnehmen kann“, beklagt die 62-jährige Amerikanerin: „Allgemeine Regeln sollten nicht aus ungewöhnlichen Fällen abgeleitet werden, und die Frage von intersexuellen Athleten bleibt ungelöst.“

Das südafrikanische Frauen-Ministerium findet noch drastischere Worte. Das Urteil habe einen „Beigeschmack von Sexismus und Rassismus“, heißt es in einer Stellungnahme. Man sei „völlig geschockt darüber, wie eine Institution mit so hohem Ansehen wie der CAS eine Diskriminierung gutheißen kann, ohne mit der Wimper zu zucken“, teilt der südafrikanische Verband (ASA) mit. Man werde „in Kürze“ entscheiden, ob das Urteil angefochten wird oder nicht. Ein Einspruch gegen CAS-Urteile ist innerhalb von 30 Tagen vor dem Schweizer Bundesgericht möglich.

Semenya muss nun ihren natürlichen Testosteron-Wert durch Medikamente senken, damit sie an der Leichtathletik-WM in Doha/Katar (27. September bis 6. Oktober) teilnehmen kann. Die neue Regelung umfasst Frauenrennen zwischen 400 Metern und einer Meile (1609 Meter). Semenya, die an diesem Freitag beim Diamond-League-Auftakt in Doha über 800 Meter laufen wird, könnte auf längere Strecken ausweichen, kürzlich siegte sie bei den südafrikanischen Meisterschaften über die 5000 Meter.

Spekulationen über ein vorzeitiges Karriere-Ende gab es in dem endlosen Streit über ihren Fall ebenfalls schon. Doch Aufgeben ist keine Option für die dreimalige Weltmeisterin. „Die Entscheidung des CAS wird mich nicht aufhalten“, versichert sie nach dem Urteil, schickt aber einen Sinnspruch hinterher: „Weisheit ist es zu wissen, wann es Zeit ist aufzugeben. Das tun zu können, ist mutig. Mit erhobenem Haupt aufgeben, ist würdevoll.“ Auf dem dazu gestellten Foto berührt eine Frauenhand Stacheldraht.

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