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Leichtathletik-Pate Lamine Diack muss sich vor Gericht verantworten

Leichtathletik : Leichtathletik-Pate Diack muss sich vor Gericht verantworten

Im „Schaukelstuhl sitzen und zwei oder drei Bücher schreiben“ – so stellte sich Lamine Diack einmal seinen Lebensabend vor. Allerdings träumte der Senegalese dabei sicher von einer Kulisse mit Palmen, Strand und Meer.

Doch stattdessen droht dem gefallenen Leichtathletik-Paten das Gefängnis. Gut möglich, dass er bald hinter Gittern zum Stift greifen muss. Diack wird ab diesem Montag im Palais de Justice in Paris der Prozess gemacht.

Über vier Jahre lang wurde gegen den ehemaligen Präsidenten des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF ermittelt, die 90-seitige Anklageschrift enthält unfassbare Vorwürfe – es geht unter anderem um Geldwäsche, bandenmäßige Kriminalität, aktive und passive Korruption. Es dürfte ein spektakulärer Prozess werden, schließlich muss sich da einer der einst mächtigsten Sportfunktionäre der Welt wegen seiner unmenschlichen Gier und Rücksichtslosigkeit verantworten.

Diack führte den Weltverband von 1999 bis 2015 offenbar wie ein Sonnengott. „Ich opfere meine Familie für den Sport. Diack ist in meinen Augen eine Person, die den Sport für seine Familie opfert“, sagte einmal Marius Vizer, ehemaliger Präsident aller Sport-Weltverbände, über den mittlerweile 86-Jährigen. Neben Diack Senior ist auch dessen Sohn Papa Massata Diack angeklagt – ebenso Walentin Balachnitschew, der Ex-Präsident des russischen Verbandes und IAAF-Schatzmeister unter Diack, Alexej Melnikow, Russlands ehemaliger Cheftrainer, Gabriel Dolle, ehemaliger Direktor des Anti-Doping-Programms des mittlerweile in World Athletics umbenannten Weltverbandes, sowie Habib Cisse, ein ehemaliger Berater von Diack.

Diack, der seit November 2015 unter Hausarrest steht, wird vorgeworfen, als Leichtathletik-Chef Bestechungsgelder für vertuschte positive Dopingtests erpresst zu haben, vor allem von Athleten aus Russland. Über drei Millionen Euro sollen dabei zusammengekommen sein. Außerdem sollen Veranstaltungen verschoben, Stimmen für Großereignisse wie Olympische Spiele verkauft worden sein.

Die französischen Ermittler wurden tätig, nachdem die ARD 2014 über die Vertuschung von Dopingfällen in der russischen Leichtathletik berichtet hatte. Die Finanzstaatsanwaltschaft leitete die Untersuchungen, eine auf die Bekämpfung schwerer Wirtschafts- und Finanzkriminalität spezialisierte Behörde.

An Aufklärung war Diack in seinen 16 Jahren an der IAAF-Spitze nie wirklich interessiert. Er war einer jener Präsidenten, die ihren Verband nach Gutsherrenart führten, undurchsichtige Strukturen schafften und jede Kritik, jede Krise selbstgefällig aussaßen. Als die Vorwürfe der systematischen Vertuschung laut wurden, tat Diack sie als Verschwörung und „gezielte Kampagne“ ab, „um die Medaillen neu vergeben zu können“. In der Leichtathletik sei man „überzeugt, dass 99 Prozent unserer Athleten sauber sind. Wir sind schließlich nicht der Radsport.“ Im Sommer 2015 wurde er im Amt von Sebastian Coe beerbt.

Papa Massata Diack, der sich im Senegal aufhalten soll und von der dortigen Regierung nicht ausgeliefert wird, bezeichnete die Ermittlungen gegen sich und seinen Vater zuletzt als „Hexenjagd“, sein Vater werde „als Geisel“ gehalten. Schon bald könnte er ganz offiziell ein Häftling sein. Einer, der vielleicht auch zwei, drei Bücher schreibt. Aber sicher nicht im Schaukelstuhl.