In der Formel 1 herrscht Kontrollwahn wie beim Sieg von Max Verstappen

Großer Preis von Österreich : Wie beim Kindergarten-Cup

In der Formel 1 herrscht der Kontrollwahn. Quälend lange ermittelten die Stewards in Spielberg, erst mehr als drei Stunden nach dem Rennen war klar: Der Sieger heißt Max Verstappen.

Der Champagner war verspritzt, Max Verstappen hatte seinen Siegerpokal längst im Reisegepäck verstaut. Die ersten Team-Trucks dröhnten auf Spielbergs Straßen davon, die Härtesten der 30 000 niederländischen Fans hatten die Rennstrecke bierselig verlassen. Doch wer diesen spektakulären Großen Preis von Österreich nun wirklich gewonnen hatte, war auch drei Stunden nach der Zielflagge noch nicht klar.

Endlos brüteten die Regelhüter über der Analyse des entscheidenden Überholmanövers von Verstappen im Red Bull gegen Ferrari-Pilot Charles Leclerc. Erst am Abend kamen sie zum richtigen Schluss: Die Aktion war hart, aber fair. Der eigene Kontrollwahn hatte der Formel 1 dennoch erheblich geschadet – denn er hatte das spannendste Rennen dieser Saison überschattet. „Ich bin kein Fan davon, die Entscheidung jemandem zu überlassen, der irgendwo in einem Bürostuhl sitzt“, sagte sogar Sebastian Vettel: „Wir Fahrer können es am besten beurteilen, man sollte uns in Ruhe lassen. Das ist Rennsport, wir fahren nicht um den Kindergarten-Cup.“

Vettels Meinung hat Gewicht, schließlich war es sein Ferrari-Rennstall, der den vermeintlichen Nachteil hatte: Teamkollege Leclerc verlor zwei Runden vor Schluss seine Führung an Verstappen, der Niederländer verschaffte sich Platz, die Autos berührten sich. Aber sogar Vettel sah keinen Grund, sich allzu lange mit dieser Szene aufzuhalten. „Es geht ja nicht um die goldene Ananas. Da sollten Ellenbogen schon erlaubt sein“, sagte der Heppenheimer. Verstappen war sich ohnehin keiner Schuld bewusst. „Wenn so etwas nicht mehr erlaubt ist, können wir alle zu Hause bleiben“, sagte der 21-Jährige.

Letztlich war all das ja erlaubt, die Stewards nahmen der Formel 1 dieses Mal nicht ihren Sieger - anders als noch vor drei Wochen, als Vettel in Kanada als Erster über die Linie fuhr, wegen einer umstrittenen Fünf-Sekunden-Strafe aber als Zweiter gewertet wurde. Eine Wiederholung dieses Szenarios hätte wohl für einen noch weitaus größeren Imageschaden gesorgt.

Der quälend lange Entscheidungsprozess wirkte nicht zeitgemäß in einer Phase, in der die Königsklasse um neue, junge Fans wirbt. „Drei Stunden auf den Namen des Siegers warten zu müssen, hilft nicht der Glaubwürdigkeit“, schrieb die Gazzetta dello Sport. Und der frühere Formel-1-Pilot Alexander Wurz, heute Präsident der Fahrergewerkschaft, sagte: „Man sollte mal analysieren, warum so viel analysiert wird.“ Renndirektor Michael Masi warb später um Verständnis. „Wir möchten auch, dass die Formel 1 gut dasteht. Aber wir haben eben ein Regelwerk, und unsere Aufgabe ist es, dass dieses eingehalten wird“, sagte der Australier.

Das wäre wohl tatsächlich die Lösung. Einerseits müssten die Entscheidungswege offiziell per Reglement abgekürzt werden. Und dann sollte die Schwelle für die Aufnahme von Ermittlungen erhöht werden, damit wieder freier gefahren werden kann. Diese Hoffnung klang am Abend sogar bei Ferrari durch, bei den Unterlegenen. „Wir verstehen, dass man weitermachen muss“, sagte Teamchef Mattia Binotto: „Es ist an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.“

Mehr von Saarbrücker Zeitung