Rücktritt: DFB-Präsident Grindel scheitert an sich selbst

Rücktritt : DFB-Präsident Grindel scheitert an sich selbst

Als oberster deutscher Fußballfunktionär wollte er moralisch unantastbar sein. Stattdessen stolperte er von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen. Eine geschenkte Uhr aus der Ukraine kostete Reinhard Grindel nun endgültig das Amt.

Nach fünf Minuten hatte Reinhard Grindel sein Mea-culpa-Statement hinter sich gebracht. Fünf Minuten, in denen der gescheiterte DFB-Präsident sich auch selbst die Frage stellte: „Wie ist das passiert?“ Eine geschenkte 6000 Euro teure Luxus-Uhr von einem Funktionärs-Kollegen aus der Ukraine hat den viel kritisierten Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) endgültig stolpern lassen. 1082 Tage nach seiner Wahl zum DFB-Präsidenten ist die Amtszeit des selbst ernannten Erbauers eines „neuen DFB“ schon wieder vorbei.

Grindel ist im höchsten deutschen Fußball-Amt vor allem an sich selbst gescheitert. Der Prediger eines moralisch unantastbaren Fußball-Funktionärswesens musste sich letztlich an seinen Maßstäben messen lassen. Ob er mit diesem Malus seine Posten bei Uefa und Fifa noch bis zum Ablauf der Amtszeiten in zwei und vier Jahren behalten wird, darf bezweifelt werden.

Die Uhr aus der Ukraine war aber nur Auslöser und nicht Kern des Problems. Ausgerechnet der einstige Berufspolitiker mit Bundestagsmandat stürzte schnell im Fußball-Geschäft, weil ihm in entscheidenden Situationen der richtige Instinkt und vor allem die nötigen Seilschaften fehlten. Mit seinem Führungsstil machte sich Grindel angreifbar – auch deshalb sickerten seine Fehler nun nach und nach an die Öffentlichkeit durch.

Glaubwürdigkeit zurückgewinnen und Zusammenhalt sichern, predigte Grindel als oberstes Ziel für den DFB und fiel letztlich über das Geschenk von Igor Surkis, seinen für Ethikzweifel bekannten Uefa-Kollegen aus der Ukraine. Die wenige Tage zuvor publik gewordenen Bonuszahlungen von 78 000 Euro als Aufsichtsrat einer DFB-Tochterfirma erwähnte Grindel in seinem Rücktrittsstatement gar nicht mehr. „Ich entschuldige mich dafür, dass ich durch mein wenig vorbildliches Handeln im Zusammenhang mit der Uhr Vorurteile bestätigt habe. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nicht geldgierig bin“, sagte Grindel.

Geldgier war auch lange nicht der Vorwurf gegen den gebürtigen Hamburger. Eher enorme Ungeschicklichkeiten wie die unnötige Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw vor der WM 2018 und fehlendes Rückgrat, als es darum ging, Mesut Özil in der Erdogan-Affäre vor rechten Parolen zu schützen, kreidete man ihm an.

Immer wieder mussten Grindel selbst oder seine Medienleute Statements einfangen, von missverständlichen Kommentaren zum Videobeweis bis zur Löw-Ausmusterung der WM-Helden Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng. Der einstige TV-Moderator Grindel war sich der Durchschlagskraft seiner Worte offenbar nicht bewusst.

Als Grindel an die Macht kam, war der DFB durch den Skandal um das Sommermärchen 2006 im Kern erschüttert. Der CDU-Mann nutzte das Machtvakuum nach dem Rücktritt von Wolfgang Niersbach ganz geschickt. Bei den Amateurverbänden durch seine Kontakte in Niedersachsen geschätzt und bei der Profiabteilung akzeptiert, erfüllte der heute 57-Jährige die Ansprüche – und er war im Gegensatz zu anderen zaudernden Kandidaten bereit, die Scherben zusammenzufegen.

Doch was Grindel auch anfasste, als strahlender Sieger konnte er sich nie präsentieren und hatte zudem noch das Pech, dass der sportliche Niedergang der Nationalmannschaft nach dem rauschenden WM-Sieg 2014 genau in seine Amtszeit fiel – kulminierend im Desaster in Russland im Sommer 2018. „Natürlich wäre meine Arbeit leichter, wenn sich sportlicher Erfolg einstellt“, konstatierte Grindel noch vor wenigen Wochen.

DFB-Logo. Foto: SZ/Steffen, Michael

Der Freshfields-Bericht zur Aufklärung der Machenschaften um die WM-Vergabe 2006 lieferte als erste große Aufgabe seiner Amtszeit keine befriedigenden Antworten. Grindel erklärte das Thema dennoch für beendet. Vollen Fokus richtete Grindel auf die EM-Bewerbung 2024. Der Zuschlag im September 2018 gab ihm Auftrieb. Doch bei der Uefa heißt es schon lange: Deutschland bekam die EM nicht wegen Grindel, sondern trotz Grindel.