| 16:45 Uhr

Zwei neue Weltrekorde in der Leichtathletik
Nicht mehr normal

Eliud Kipchoge aus Kenia feiert in Berlin seinen Weltrekord. (Archiv)
Eliud Kipchoge aus Kenia feiert in Berlin seinen Weltrekord. (Archiv) FOTO: REUTERS / FABRIZIO BENSCH
Das muss man sich mal vorstellen: Eliud Kipchonge hat bei seinem Marathon-Weltrekord für 100 Meter im Schnitt 17,3 Sekunden gebraucht. Ein Marathon ist 42,195 Kilometer lang. Kann ein Mensch noch schneller sein?

"Wahnsinn", "phänomenal", "unvorstellbar": Am Tag nach dem doppelten Weltrekord in der Leichtathletik überschlugen sich die Huldigungen für Zehnkämpfer Kevin Mayer und Marathonläufer Eliud Kipchoge. Mit den beiden neuen Bestmarken gelang der Vorstoß in eine neue Dimension - doch wo liegen die Grenzen?


"Wir nähern uns langsam dem, was menschenmöglich ist", sagte der deutsche Marathon-Rekordhalter Arne Gabius im Deutschlandfunk. Der Allgemeinmediziner ist sich nach Kipchoges Sensationslauf (2:01:39 Stunden) in Berlin aber sicher: Die Zwei-Stunden-Schallmauer wird fallen. Er gehe davon aus, dass ein Marathon "unter zwei Stunden sicherlich in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten möglich sein wird", sagte Gabius, "und dann wird man sich irgendwo bei einer Stunde und 58 einpendeln."

Kipchoges Fabelzeit, 78 Sekunden schneller als die vorherige Bestmarke, ist schon jetzt kaum mehr rational zu erklären. Sie sei für den Marathonlauf, so beschrieb es die renommierte Neue Zürcher Zeitung am Montag, "wie eine Landung auf dem Mars für die Raumfahrt". Kipchoge lief jeden der 42,195 Kilometer auf den Straßen der Hauptstadt in 2:53 Minuten. Unterteilt man die Marathon-Distanz in 422 100-m-Läufe, benötigte der 33-Jährige für jeden dieser Sprints 17,3 Sekunden.



Ähnlich verblüffend ist die Leistung Mayers. Nur sieben Stunden nach Kipchoges Husarenritt verschob der Franzose die Grenzen im Zehnkampf. Mayer schraubte den Rekord beim Saisonfinale in Talence auf unglaubliche 9126 Punkte und überbot damit die Bestmarke des Amerikaners Ashton Eaton aus dem Jahr 2015 um satte 81 Zähler.

Zwei Weltrekorde in Individual-Sportarten - das gab es in der Leichtathletik zuletzt vor über 14 Jahren. Größere Sprünge in der Entwicklung der Bestmarken hatte es zuletzt vor 49 (Zehnkampf/98 Punkte) bzw. 51 Jahren (Marathon/3:24 Minuten) gegeben.

"Er ist ein unglaublicher Athlet", sagte Eaton über Mayer. Der 26-Jährige, der bei der EM in Berlin noch ein Desaster im Weitsprung und damit das vorzeitige Aus erlebte, habe keine Schwäche. In Talence hatte der Ausnahmesportler schon nach neun Disziplinen mit 8421 fast so viele Punkte gesammelt wie Europameister Arthur Abele (Ulm) am Ende des EM-Zehnkampfes (8431). Mayer ist nach Roman Sebrle (9026) und Eaton erst der dritte Mensch, der die magische 9000-Punkte-Marke knackte.

Die Verschiebung einer seit jeher magischen Grenze wird im Marathon immer wahrscheinlicher. "Es sind jetzt noch 99 Sekunden. Jetzt wird es langsam realistisch", sagte Gabius, der seit 2015 mit 2:08:33 den deutschen Rekord hält: "Ob es ein Eliud Kipchoge schafft oder wir noch warten müssen auf ein neues Talent, das wird sich zeigen."

Doch die Rekordhatz in der Leichtathletik wirft auch Fragen auf. Wie sind derartige Leistungssprünge möglich? Zur Erinnerung: 2003 lief der Kenianer Paul Tergat als erster Mensch unter 2:05 Stunden - eine Zeit, die von Europäern bis heute unerreicht ist.

"Man darf auf jeden Fall Zweifel haben in der heutigen Zeit", sagt Gabius, weist aber auch auf die verbesserten Kontrollen hin: "In Kenia hat sich einiges getan, es gibt deutlich mehr Kontrollen und dadurch auch mehr positive Dopingtests."

Kipchoge sei in einem speziellen Testpool und muss eine bestimmte Anzahl von unabhängigen Trainingskontrollen haben. "Er muss einige Voraussetzungen erfüllen und da vertraue ich jetzt einfach mal", sagte Gabius: "Und wenn nicht er, wer dann könnte den Weltrekord verbessern. Das hat er gezeigt."

(sef)