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Hanning will noch zwei Weltmeisterschaften nach Deutschland holen

Handball : Weltmeisterschaften als Abschiedsgeschenk

2021 hört der umstrittene Bob Hanning als Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes auf. Zwei Turniere will er noch holen.

Es gibt eine Geschichte, über die man sich dem Wesen von Bob Hanning nähern kann. Als die deutschen Handballer im Januar 2016 sensationell den EM-Titel gewinnen, beginnt für die Mannschaft in Polen eine große Party. Schon in der Kabine in Krakau begießen Torhüter Andreas Wolff und Co. ihren goldenen Coup mit massenhaft Schampus und Bier, die Stimmung könnte besser kaum sein – nur Hanning würde die Spieler trotz des größten deutschen Erfolgs seit der WM 2007 am liebsten bremsen. „Er wollte, dass die Jungs weniger trinken“, erinnert sich Andreas Michelmann, der Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB), mit einem Schmunzeln: „Da musste ich ihn stoppen, denn sie sollten feiern.“

Es ist typisch Hanning. Selbst im Moment des größten Triumphs seiner Amtszeit als DHB-Vizepräsident Sport hat er schon den Tag danach im Kopf. Dann folgte in der Berliner Max-Schmeling-Halle die EM-Feier vor tausenden Fans, live übertragen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Hanning wusste um die seltenen Bühnenauftritte, die der Handball bekommt, also sollten die EM-Helden sich auch in optimalem Zustand präsentieren. Letztendlich gelingt das auch trotz durchzechter Nacht. Anschließend ist die Mannschaft kaputt, aber glück­lich. Und Hanning ist rundum zufrieden. Denn er hatte nicht nur durch die Verpflichtung von Dagur Sigurdsson als Bundestrainer maßgeblichen Anteil an diesem Erfolg.

In etwas mehr als einem Jahr endet nun seine Zeit im Präsidium des DHB. Hanning hat genug. Ab 2021 wird er sich ganz auf seinen Job als Geschäftsführer der Füchse Berlin konzentrieren. Sein Abschiedsgeschenk an den DHB könnte der streitbare Strippenzieher aber schon an diesem Freitag präsentieren. Dann werden in Kairo vom Weltverband IHF unter anderem die Weltmeisterschaften 2027 (Männer) und 2025 (Frauen) vergeben. Für beide Turniere hat sich Deutschland beworben, 2025 gemeinsam mit den Niederlanden. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass es den Zuschlag für beide Weltmeisterschaften gibt. Vor allem dank Hanning, der in den vergangenen Wochen und Monaten gemeinsam mit Michelmann etliche Gespräche geführt hat.

„Es ist meine letzte große Reise für den Verband. Ich würde mir wünschen, dass wir die Weltmeisterschaften noch kriegen“, sagt der gebürtige Essener: „Wir sind zuversichtlich, dass das funktionieren kann. Ich hoffe, dass die Arbeit von Andreas, mir und vielen anderen hier zielführend war.“ Für den 52-Jährigen wäre es der vorzeitige Schlussakt einer bewegenden Laufbahn im Verband. Egal, wo Hanning auftauchte oder was er auch machte: Leise war er selten. Im Gegenteil. Er brach mit alten Strukturen, scherte sich nie um Namen. Wenn er Dinge für richtig hielt, setzte er sie ohne Rücksicht auf Verluste durch. Egal was er sagte oder machte: Es passierte alles aus Kalkül.

Freunde brachte ihm das nicht immer ein. Der ehemalige Bundestrainer Heiner Brand unterstellte dem 1,68 Meter großen Hanning 2013 in einem Interview eine „narzisstische Persönlichkeits-Ausprägung“. Bei Hanning stehe die Eigeninszenierung im Vordergrund, er „braucht Leute und benutzt sie“. Der 2007er-Weltmeister Christian Schwarzer meinte noch während der EM im Januar, dass Hanning sich die Sachen immer so auslege, „wie er es gerade braucht“.

Gerade die „Generation Brand“, die Spieler des einstigen Wintermärchen-Machers, rasierte Hanning im Verband. Nicht nur Schwarzer, der als Jugendkoordinator und Trainer in den Nachwuchs-Nationalmannschaften tätig war und zwischenzeitlich sogar als Bundestrainer-Kandidat galt. Auch Markus Baur, einst beim TV Niederwürzbach Kollege von Schwarzer, hatte keine Zukunft mehr im DHB.

Man kann über Hanning, den Liebhaber schriller Outfits, sagen und denken, was man will, die Früchte seiner Arbeit lassen sich trotzdem nicht wegdiskutieren. „Der DHB hat ihm vor allem den Aufbruch zu verdanken“, sagt Michelmann. Ohne den Einsatz und die Kontakte von Hanning wären alle Welt- und Europameisterschaften der Männer bis einschließlich 2025 wahrscheinlich nicht bei ARD und ZDF zu sehen. Ohne ihn würden vermutlich auch die Chancen auf die Ausrichtung der WM-Turniere 2027 und 2025 nicht so gut stehen. Und ohne Hanning hätte der DHB wohl auch nicht schon längst den Zuschlag für die Männer-EM 2024.

Aber auch Hanning hat Fehler gemacht. Die gesamte Amtszeit von Christian Prokop als Bundestrainer stand unter keinem guten Stern. Hanning wollte den einstigen Trainer des SC DHfK Leipzig unbedingt, der DHB zahlte sogar eine Ablöse von 500 000 Euro, was ihm massive Kritik einbrachte. Der Erfolg mit Prokop blieb allerdings aus – bei allen großen Turnieren. Und zuletzt sorgte dann die stillose Beurlaubung Prokops für reichlich Kritik.

„Ich habe in meiner Zeit vielen wehgetan. Dass das Spuren hinterlässt, ist ja auch normal“, sagt Hanning selbstkritisch und unabhängig von Prokop: „Aber ich beschwere mich nicht darüber.“ Insgesamt sehe er den DHB auf einem „guten Weg“. Für 2021 hat er der Bundesliga übrigens selbst schon den ehemaligen Manager der TSV Hannover-Burgdorf, Benjamin Chatton, als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Es ist ein typischer Schachzug von Bob Hanning, der heute schon an morgen oder übermorgen denkt.